Segelfliegen an der Vorderfront des alpinen Langstreckenfluges bedeutet, es einfach trotzdem immer wieder zu probieren. Und ich sage „trotzdem“, denn normalerweise gibt es stets einen Haken. Mal fängt es einen mittags in der Zillertal-Inversion, aus der man den ganzen Tag nicht mehr raus kommt. Mal wird man um 8 Uhr morgens auf dem Innsbrucker Segelfluglandefeld von der Flughafenpolizei festgenommen. Mal erwischt man den Schnalstal-Bart nicht und weiß schon in 2500m Höhe, dass einen nun höchstens die Bozener Remo heute noch nach Hause bringen kann1. Kurzum, erfolgreich Segelfliegen erfordert neben vielen anderen Notwendigkeiten auch eine hohe Frustrationstoleranz. Viele eigentlich exzellente Piloten gehen über die Jahre daran zugrunde.
Doch natürlich ist eine Segelflugkarriere viel mehr als eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen, gespickt mit diesen gewissen einzelnen lebensverändernden, brillianten Ereignissen übermenschlicher Freude. Man sitzt nicht jeden Tag in Krün, und man springt auch nicht jeden Tag über den Theodulpass ins Valtournenche. Dazwischen ist auch noch eine ganze Menge Alltag, der einem geduldig beibringt, seine Erwartungen in den Griff zu bekommen.
So stand ich also am 29. März auf dem Vorfeld in Königsdorf und wurde die Frage nicht los, was wohl morgen schief gehen würde. Fast dreizehn Stunden Tageslicht, eins der breitesten Windfelder seit zehn Jahren, eine vernünftige Prise an Feuchtigkeit. Ein Windprofil vom Feinsten. Fast eine Woche Vorwarnzeit. Sogar schon tagelang vorher schwacher Föhn, der alle Kaltluftseen vor dem großen Tag ausräumt. Bevor ich ins Haus ging, bemerkte ich noch, wie die Zugspitze in einem komischen Dunst verschwand. Als ich eine Viertelstunde später nochmal nachsah, war der Heimgarten verschwunden, irgendwann der Jochberg, und bei Sonnenuntergang war selbst der Kirchturm im Dorf nur noch schemenhaft im grau-braunen Nichts zu erkennen. Fassungslos glotzte ich nach Süden. „Sandsturm aus der Sahara“ war bisher nicht Teil meiner Liste.
Fünf Tage zurück
Vier Segelflugzeuge und drei Gänsegeier am Merlú. Knapp neben dem grasigen Südpfeiler kreisen wir unter grau bedecktem Himmel im miserablen Steigen. Man feilscht um jeden Meter. Wir, weil es hier in den französischen Alpen wohl der letzte überhaupt fliegbare Tag für die ganze nächste Woche ist, und die Geier – naja, die wahrscheinlich aus genau dem gleichen Grund. Ich richte den Ventus auf und ziele nach Osten auf den Hang von Rosans, um uns zumindest noch ein paar Trost-Kilometer im schwachen Südwind zu ermogeln. Tja, der Südwind. Wären wir doch nur am anderen Ende der Alpen. Schon vor der Landung entscheide ich, noch heute die Sachen zu packen. Es ist ein seltsames Gefühl, nach nur drei Flugtagen das Paradies wieder zu verlassen.

Fünf Tage und eine halbe Nacht später
Zurück am anderen Ende der Alpen, vier Uhr fünfundvierzig. Es ist einfach nur fürchterlich auch nur den Kopf heben zu müssen, aber ich muss ja nach dem Sandsturm sehen. Die Webcam-Bilder laden quälend langsam. Nächtlich lang belichtete Schemen. Viel sieht man immer noch nicht, aber zumindest erkennt man von Garmisch aus verschwommen die Zugspitze, vom Pendling den Kaiser und vom Nebelhorn die Lichter im Lechtal. Für VFR müsste die Sicht gerade so reichen. Den Rest muss ich gar nicht groß prüfen, wohl wissend dass ich jetzt leider tatsächlich aufstehen muss. Der kalte Werkstattboden macht schlagartig wach. Heute ist der Tag, an dem ich 1250 Kilometer fliegen werde.

Als wir die Flugzeuge aus der Halle hinaus ins Dunkle rollen, liegt eine riesige Lenti über den schwadigen Staubwolken am Nachthimmel. Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich schon aufgewacht bin. Oder vielleicht träume ich einfach noch 14 Stunden weiter, und dann habe ich es geschafft?
Sunrise minus 45 Minuten. Der Ventus ist schon seit gestern aufgetankt und beladen. Bevor ich wieder raus gehe, muss ich mich noch entscheiden: Abflug nach Westen oder nach Osten? Beide Varianten leuchten ungeduldig auf dem Bildschirm. Das Radarbild der Front am westlichen Alpenrand ist zerfasert. Im Osten dreht der Höhenwind auf West. Auf den westlichen Webcams ist die Sicht mit dem Wüstenstaub etwas besser. Dafür sind die ICON-D2 Wellenprognosen relativ klar: Die Schweizer Linie schwächelt. Soll man dem glauben? Am Ende ist es Mathias, der im Vorbeigehen das Zünglein an der Waage liefert: „Wenn die Welle nicht steht, hast du im Osten halt immer noch die Hänge.“ Da ich dringend zum Start muss, kopiere ich kurzerhand die Ost-Variante auf den Stick und laufe zurück aufs Vorfeld. Mit leicht zittrigen Händen (nur wegen der Kälte, natürlich) lade ich Krün – Schoberpass – Bludenz – Schoberpass – Greiling, eintausendzweihundertfünfzig Kilometer in den Logger. Hinter den genauen Punkten stehen tagelange Überlegungen2. Und dann, um sechs Uhr zwölf, ziehen Markus und Schlaubi mich mit der WT9 hinauf ins surreal wüstenfarbige Morgengrauen.

250 km: der beste Abflug
Als zweiter zu starten ist natürlich ideal: wenige Minuten vor mir hat Michi im Discus bei Mittenwald mit der Suche begonnen und ich beobachte seinen Fortschritt im Flarm. So wie es aussieht muss ich überhaupt nicht überlegen: Um 06:25 klinke ich das Seil aus, überfliege die Startlinie in 2760 m und setze mich nach wenigen Kilometern direkt unter ihn. Erst mit einem Meter pro Sekunde, später mit fast drei, geht es auf 3600m. Michi fliegt nach Westen ab – wir werden uns erst neun Stunden später im Ennstal wieder sehen. Ich hingegen bohre nach Osten ins Karwendel. Die Stimmung ist grau-gespenstisch, der Wüstensand färbt das hellbunte Morgenlicht monochrom. Trotz der schlechten Sicht müsste man doch langsam Wolkenfetzen über dem Rißtal sehen? Ungewiss schippere ich mit 90 km/h Seiten-Rückenwind über den Soiern, dann setzt turbulentes Sinken ein. Ich erzähle immer allen, dass man oberhalb von 3000m kein Problem hat, die zentrale Karwendelwelle von außen anzufliegen (niemand glaubt mir das), aber jetzt werde ich selber unsicher. In der Mitte des Talverlaufes habe ich schon 800 Meter verloren. Über dem Rißsattel fängt es turbulent an, immerhin mit Null zu tragen. Ich werde rauf- und runter geworfen, am Plumsjoch probiere ich ein paar ideenlose Schlenker, dann lasse ich mich kreisend ins Lee versetzen – 30 Meter gewonnen. So bricht man keinen Europarekord. Vorsichtig taste ich einer auflösenden kleinen Wolke nahe des Achensee-Ufers hinterher. Auf dem Weg schlägt es mich schrittweise zweihundert Meter nach oben. Die Wolke kommt wieder, sie steht einen Kilometer luvseits. Weit verschätzt – ich werde es nie lernen. Endlich werden die Steigböen breiter, und nach einer ungewissen Minute geht das Vario in den oberen Anschlag, während der Wolkenfetzen hinter mir versinkt. Ich müsste jetzt kurz durchschnaufen, aber dafür blebt keine Zeit: mit der Steigrate bin ich in hundert Sekunden am Luftraumdeckel. Drehen, tippen, geübte Hände, geübte Sprüche, und schon hat mich Innsbruck Radar auf FL160 freigegeben. In 4000m hebt mich die Welle aus dem Sand heraus. Von hier oben sieht das in grauen Staub gehüllte Gebirge weit weg aus, obwohl ich erst vor 20 Minuten beinahe zwischen die Felsen gesunken wäre.

Fast 5000m. Von hier aus kann ich die zerbrochenen Cumuli im Pinzgau sehen und verhandele mit dem Lotsen eine direkte Querung zum Gerlos. Groundspeed: zähe 80 km/h. Auch wenn ich über dem Zillertal mehrmals schwaches Steigen durchfliege, bin ich lange nicht sicher wie hoch ich am Fuß der Tauern ankommen werde. Doch der Ventus gleitet. Um 07:25 Uhr schaue ich aus komfortablen 3600 Metern auf den gefrorenen Stausee. Die Wolkenoptik ist eindeutig; ich sehe mich schon in FL160 am Großglockner vorbei ziehen. Vor der ersten Wolke treffen mich harte Böen. Ich ziehe hoch, doch das Vario kommt nicht mit. Komisch. Weiter im Luv bildet sich etwas neues, ich setze mich vor das nächste Wölkchen. Wieder nichts. So geht das drei Mal – alles offensichtlich auf der vorgezeichneten Linie, ich probiere weiter links, weiter rechts, neue Wolken, alte Wolken, und bekomme zunehmend die Leeturbulenzen des Großvenediger auf den Kopf. Es reicht gerade so nicht, um die Höhe zu halten. Bei Mittersil gerate ich schleichend unter 3000m und akzeptiere, dass ich die primäre Tauernwelle aufgeben muss. Also lasse ich mich langsam nach Norden abtreiben und suche im Tal, dann über der Schmittenhöhe den Einstieg in die Sekundäre. Über dem Zeller See in 2800m Höhe bleibt mir letztlich nichts anderes übrig, als mich mit Rückenwind in den Luvhang des Steinernen Meers spülen zu lassen. Eine Stunde geflogen, und schon brauche ich Plan C. Obwohl: Vor knapp 10 Jahren wäre genau das noch der Idealplan gewesen. Unglaublich, wie viel wir in dieser kurzen Zeit über den Föhn und seine Möglichkeiten gelernt haben.
Ohne den Rückhalt der hohen Tauern bin ich dem Wüstensand wieder voll ausgesetzt. Hier unten an den Kalkwänden beträgt die Sicht vielleicht 15 Kilometer, aber der Wind steht angenehm senkrecht auf dem Hang. Nach einer vorsichtigen Probe-Acht reite ich den Grat in einem Zug hinauf bis zum Hochkönig. Auch wenn das Fliegen im Relief immer ein unglaubliches Spektakel ist, habe ich nur Augen für die kräuselnden Wolken im Osten, jenseits von Bischofshofen. Zu viel Nerven kosten die Turbulenzen hier im Gelände, zu wenig Auswege bieten die Routen am Hang so früh morgens vor Thermikbeginn. Den östlichen Wendepunkt habe ich klar auf die Welle der niederen Tauern ausgelegt, und wenn es einen Weg zurück hinauf gibt, dann muss ich ihn in den nächsten 50 Kilometern finden.

Auf dem Weg zum Dachstein tapse ich hoffnungsvoll unter vereinzelten Hebungswolken umher. Am Bischling zieht mich das Links-Rechts-Gefühl immer weiter nach Süden, über eine Minute hinweg geht das Vario stetig von Sinken immer weiter zur Null. Noch eine Minute, der Zeiger geht völlig ruhig in den Anschlag, und ich muss mich schon wieder beeilen um schnell genug eine Höhenfreigabe zu erfunken. Bald bin ich wieder in FL160. Längst vergessen sind die Felsen unten am Dachstein. Der Wind in knapp 5000m hat stark auf West gedreht, und über der Mitte des Ennstals sticht etwa alle 10 Kilometer eine neue Hebungswolke aus dem Sand heraus. Mit Höchstgeschwindigkeit schießt der Ventus zurück an den Hauptkamm, und hier im Osten hängt die Tauernwelle, die mir vorhin im Pinzgau nicht gewogen war, lückenlos zusammen. Hundert Kilometer verfliegen in einer halben Stunde, um kurz vor neun Uhr bin ich an der ersten Wende. Der deklarierte Punkt liegt fast auf der Ideallinie. Als ich den Ventus um die Kurve ziehe, tut sich nicht viel im Cockpit außer dem regelmäßigen Zischen des Sauerstoffs und einem kurzen Zucken im Mundwinkel – aber innerlich hat der erste Schenkel mich komplett angezündet. So einen Tag erleben zu dürfen, und dann nach diesen relativ schwierigen ersten Stunden noch ohne Zeitverlust im Spiel zu sein, weckt eine Begeisterung, die mich stärker antreibt als alle diese Aufwinde. Heute fliege ich einfach. Heute könnte es wirklich genug sein.

500 km: Der beste Weg gegen den Wind
Wind: 230 Grad, 95 km/h. Die Westkomponente, die mich vom Bischling regelrecht zum Schoberpass teleportiert hat, steht jetzt im Weg, denn ich muss das alles wieder zurück fliegen. Doch auch deshalb habe ich die Wende im Palten-Liesingtal ausgesucht, das für die Ostalpen untypisch in Nordwest-Südost-Ausrichtung verläuft. Hier passt der fast aus West blasende lokale Höhenwind gut zum Relief. Erst zurück im Ennstal wird es unangenehm: Auch wenn die GPS-Spur vom Hinweg und die vom Thermikbeginn langsam aufquellenden Hebungswolken perfekt den besten Weg im schwachen Steigen markieren, sehe ich keine Chance ohne Zeitverlust die Höhe zu halten. Bei Niederöblarn habe ich trotzdem noch 4000m übrig. Jetzt schon nach Norden ins Luv zu verlagern wäre verschenktes Potenzial. Die Wolkenlinie verläuft sich im Nichts, also gebe ich der Sache eine letzte Chance nach Südwesten, um den Abstand zum Hauptkamm konstant zu halten. Das Sinken wird nach kurzer Zeit so stark, dass ich fast nicht mitbekomme wie der Controller von Zeltweg nach mir ruft. Military Traffic, für die nächste halbe Stunde muss ich unter FL125 bleiben. „Da bin ich sowieso gleich“, gluckse ich zurück – und damit bleibt mir der Einstieg in die Welle der Hohen Tauern erneut verwehrt. Ob es nun geklappt hätte, weiß ich sowieso nicht. Also gleiches Spiel wie vorhin: Ich lasse mich wieder in den Hang fallen, und frage mich, ob dies wohl das Motto des gesamten Tages wird.
Am Dachstein empfangen mich massive Turbulenzen in 2500m. Wenn man das nicht kennt, ist es ein Grund sich Gedanken über die Festigkeit der Holme zu machen. Für mich ist es ein ganz normaler Samstag. Nach einem respektvollen Bogen um die Seilbahn wird es ein wenig ruhiger, und ich mache es mir bei drei Achtern in einem unglaublichen Panorama gemütlich. Die Sicht scheint langsam besser zu werden – wahrscheinlich weil die Sonne jetzt senkrechter durch den Sand scheint und das Licht weniger streut. Schon habe ich genug Höhe für den langen Gegenwindsprung über Bischofshofen. Auf dem Weg komme ich wieder am Bischling vorbei, der vorhin der Schlüssel fürs höhere Stockwerk war – aber so einfach ist es natürlich nicht. Ich werde direkt zum Hochkönig durchgereicht.
Ich erreiche die Wand in 2400m, was viel klingt, aber fünfhundert Meter unter dem Grat ist. Viele Föhnflüge sind an dieser Stelle schon gescheitert, weil die Strömung an der östlichen Ecke ziemlich unberechenbar ist. Dass es mich diesmal sofort mit 6 m/s aus dem Relief heraushebelt, ist nichts als pures Glück. Es ist immer verdächtig, wenn ein Luvhang so gut geht: Direkt oberhalb muss die Welle stehen. Der kleine Cumulus vor dem Gipfel weist mir den Weg. Nach zehn Minuten bin ich zweieinhalb Kilometer höher. Heute geht alles so schnell, dass ich aufpassen muss mit dem Denken hinterher zu kommen; vom Fühlen ganz zu schweigen. Aber was nun kommt habe ich schon zu oft gemacht, um aus dem Tritt zu kommen: Vor mir, mitten im Blauen, stehen in großen Abständen vier winzige tiefe Wolkenhaufen nach Westen. Das ist sicher die tertiäre Hauptkammwelle, die vom Lee des Pinzgauer Spaziergangs unsichtbar angefacht wird. Immer noch ist die Gegenwindkomponente beachtlich, aber mit dem Kaiser und Rofan als Rückfalloption ist mir alles egal. Butterweich findet der Ventus mit weit über 200 km/h die Linie im Blauen. Saalfelden, Kitzbühel, Märzengrund ziehen vorbei. Der Innsbrucker Lotse lässt mich auf der Inntal-Südseite machen was ich möchte, so dass ich beschließe so lange wie möglich auf dieser Linie zu bleiben. Es ist ein wahnsinniger Zeitvorteil, hier nicht runter in den Hang zu müssen. Elf Uhr, rüber zum Glungenzer, FL160. Fünfhundert Kilometer geschafft, und zum ersten Mal heute haben für einige Momente das Schauen und Atmen Vorrang vor dem ständigen Rechnen und Rühren, das bisher jede einzelne Minute des Fluges bestimmt hat.
750 km: Das beste Chaos
Doch schon reißt mich Innsbruck Radar aus meiner wonnigen Denkpause: schon wieder ein Missed Approach, langsam wird es eng in der Kontrollzone. Alle Segelflugzeuge müssen raus, die im Norden bleiben am Hang, wir am Hauptkamm sollen südlich ausweichen. Erst bestätige ich routinemäßig die Anweisung, dann schaue ich mich verdutzt um. Meine eigentliche Föhnlücke knickt schräg nach rechts über den Flughafen ab, und südlich davon versperrt mir eine weiße Schneewolkenwand den Weg. Die plötzliche Entscheidungsnot trifft mich völlig unerwartet. Es bleiben zwei Optionen: Umdrehen und zumindest eine Menge Zeit verlieren, oder so weit südlich wie möglich auf Kurs weiter fliegen, in der Hoffnung dass das Sinken auf der Leeseite der Wolke nicht zu stark wird. Es bleibt nicht mal Zeit mich zu ärgern, dass ich keine Alternativen in diesen komplexen Luftraum mitgebracht habe. Ohne es wirklich zu durchdenken, fliege ich einfach weiter. Rechts das Steigen, das ich nicht nehmen darf, links die Wolkenrückseite und das Lee. Und es geht runter, mit fünf, sechs, sieben Metern pro Sekunde. Am Brennereingang sind 1500 Höhenmeter verbrannt, während ich brav am Südrand der Kontrollzone entlang robbe. Gerade noch waren es die Wolken, jetzt ist es schon das Gelände, das mich daran hindert noch weiter nach Süden in sicherlich bessere Luft auszuweichen. Dann fangen auch noch die Turbulenzen wieder an. Um nicht von den Wolken am Stubaital verschluckt zu werden, biege ich minimal nach Norden ab. Sofort beginnt der Radarlotse im Funk zu schimpfen, während ich Schwierigkeiten habe, im Lee der Nockspitze das Flugzeug gerade zu halten. Ich kann gerade schlichtweg nicht antworten – Aviate, Navigate, Communicate. Dann, nach einer ewigen halben Minute treffe ich den aufsteigenden Ast. Die Turbulenzen werden unerträglich, aber das Sinken hört erstmal auf. Schlag um Schlag geht es aus 2800 Metern zurück auf Augenhöhe mit den ersten Wolkenkringeln. Ich nutze das kurze Zeitfenster, um mich beim Radarlotsen zu entschuldigen und meine Situation zu erklären. Ich muss den Funkspruch zweimal unterbrechen, weil es mich fast auf den Rücken dreht. Der Lotse ist nicht begeistert. Ich verspreche, weiterhin so weit südlich wie möglich zu bleiben, und er verspricht mir einen Slot zur Querung nach Norden in ein paar Minuten. Damit können wir beide arbeiten. Aus irgendwelchen Gründen bin ich jetzt auch wieder siebenhundert Meter höher und kann kurz durchatmen und reflektieren, wie ich gerade in so kurzer Zeit die Kontrolle über die Situation verlieren konnte3 – und mich davon überzeugen dass ich sie jetzt erstmal wieder im Griff habe.
„D-7709 you are cleared to cross direct to Hohe Munde”, knistert der Lotse. Um ihm einen Gefallen zu tun, fliege ich mit Manövergeschwindigkeit und bin in drei Minuten drüben. Und dann mache ich das, was man eben tut wenn man zum dritten Mal heute aus der Welle gefallen ist: Ich lasse mich zum dritten Mal in den Hang treiben.
Die Hohe Munde empfängt mich mit einem ruhigen Luv. Um mich kurz zu sammeln und gedanklich wieder nach vorne auszurichten, nehme ich erstmal die Fahrt heraus und bleibe hoch über dem Gelände. Dennoch sind die Mieminger schneller zu Ende als mir lieb ist, denn jetzt kann ich die schwierigste Stelle der Nordalpen nicht länger herauszögern. Von hier bis zur Parseierspitze kanalisiert der Wind im Tal auf einen harten Südwest, so dass alle Rippen sich gegenseitig abschatten und mit Lees bewerfen. So mancher Pechvogel, der das Hochkönig-Luv gerade noch überstanden hat, wurde hier schon zu Boden geholt. An der Heiterwand achtere ich deshalb nochmal von 2500 auf 2900 Meter hinauf. Höher geht es nicht, also los in den Strudel. Auch wenn es sich blöd anfühlt und mörderisch aussieht, muss man hier um jeden Preis oben am Hauptgrat bleiben. Alles ist besser als vorne talseits in den hangparallelen Wind einzusinken. Eine Acht an der Plattenspitze, eine oberhalb des Laggers, noch eine am Grubigjoch. Trotz Aufwind kann ich nicht langsamer als 140 km/h fliegen. Obwohl ich mich gefühlt ganz gut schlage, erreiche ich das Parseier-Eck nicht höher als 2600m. Kurz teste ich den Luvhang an – es geht windstill mit 4 m/s runter. Also weiter nach Rezept kochen: Sofort hinaus nach Landeck, denn wenn die Welle von oben auf die Parseierspitze drückt, führt die Spur zum aufsteigenden Ast mitten über das Tal. Eine große Quellwolke steht über der Stadt. Nach einem halben Kreis habe ich 3 m/s zentriert. Die Wolke beginnt in 2800 Metern, doch auf ihrer Luvseite geht es nicht weiter. Überall ist es windstill. In so einem Fall kann man viel Zeit liegen lassen, oder man kann einfach weiter fliegen. Wenigstens fängt der Wind wieder an, nach Westen sind es bald wieder 50, dann 80 km/h genau aus Süd. Der Parseier ist überwunden, und der Hang zum Arlberg winkt mich zurück auf Kurs.
Auf den Südkanten des unförmigen Geländes habe ich keine Probleme, mit respektvollem Abstand und viel Fahrtreserve auf 2800 Meter zurück zu steigen. Vorne ist schon der Arlbergpass zu sehen und jenseits davon der Weg ins Montafon zu erahnen, als mein Blick wieder an den Instrumenten hängen bleibt: Auf dem letzten Kilometer ist der Wind schon wieder von hundert auf zehn km/h runter gegangen. Den großen Cumulus leicht südlich über den Hangfüßen hätte ich auch fast übersehen – vielleicht steht hier ja der Welleneinstieg, den ich über Landeck eben nicht zu Ende bringen konnte? Ich ziehe den Ventus scharf nach links, es gibt einen Ruck wie im Fahrstuhl, ein Flügel hebt sich, ich kreise ein – wie ein ganz normaler Thermikbart. Doch als ich wieder Zeit für die Instrumente habe, sehe ich, dass es mit 11 Metern pro Sekunde steigt. Drei Kreise sind tausend Meter, und ich muss schauen, nicht in die Wolke hinein geschleudert zu werden. Mit hoher Fahrt sticht der Ventus nach Süden ins Freie, immer noch mit über 7 m/s Steigen. Aus 4700 Metern steht mir das Montafon offen. Zur zweiten Wende fehlen jetzt nur noch 50 Kilometer.

Ich folge dem Steigen über den Arlbergpass nach Westen, bis die Wolkenlinie mit der Westkomponente nach Norden abknickt. Jetzt muss ich nur noch ein Wellenband nach Südwesten in die Montafonwelle verspringen, an deren Ende bei Bludenz die zweite Wende liegt. Doch schon wieder reißt mich ein brandneues Problem aus meinem Konzept eines Planes: Mir fällt auf, dass ich gar keine Chance habe, in dieser großen Höhe auf die Vorderseite des links neben mir aufragenden Wolkenbandes zu wechseln. Normalerweise komme ich hier aus dem Hang und kann einfach unten durch tauchen, oder an trockeneren Tagen durch eine Lücke auf die Luvseite der Hebungswolken schlüpfen. Ich hätte das schon am Arlberg sehen und einen besseren Plan machen können, aber jetzt bleibt mir nichts mehr anderes übrig als die Höhe mit Höchstgeschwindigkeit zu verprassen. Im Lee der Wolke geht es mit 10 m/s bergab, und bald kann ich in 3000m unter der dunklen Basis zurück auf Kurs gehen, mit dem ungemütlichen Gefühl schon wieder einen Fehler gemacht zu haben.
Hier im Montafon ist mir alles egal – ich will einfach nur zum Wendepunkt. Die 3000 Meter reichen, um im Lee des Rätikon den direkten Weg zu finden. Auch wenn ich nicht wirklich tief bin, sind die Schläge fast so heftig wie vorhin am Stubaital. Zwar könnte ich hier bestimmt überall steigen, aber an solchen Turbulenzen möchte ich mich lieber nicht abarbeiten. Leidlich halte ich die Höhe. Der Wendesektor ist um 12:30 Uhr erreicht, und gerade beim Umdrehen treffen mich die Böen mehr und mehr von unten. Mit drei bis sieben Metern pro Sekunde geht es zerrissen, aber zügig bis 3700m, während ich mich bereits zurück nach Osten treiben lassen kann. Sobald ich genug Höhe für den Arlbergpass habe, verlasse ich die Welle noch unter der Basis. Nach der schlechten Erfahrung im oberen Innsbrucker Luftraum erscheint es mir am klügsten, auf dem Rückweg nach Osten erst einmal unten am Hang zu bleiben.
Mit Rückenwind bergab den erprobten Luvhängen zurück zum Parseier zu folgen, bedeutet dass ich mich jetzt endlich einmal wirklich komplett heraus nehmen und mental neu ordnen kann, ohne direkt Gefahr zu laufen wieder aus dem System zu fallen. Nach fünf Stunden seligem Flow, gefolgt von eineinhalb Stunden horrendem Chaos, ist mehr als die Hälfte der Rekordstrecke geschafft. Wie ich es immer noch ohne nennenswerten Zeitverlust bis hierhin geschafft habe, weiß ich nicht.
1000 km: Der beste Rückenwind
Jetzt kommt das, was wir in den Nordalpen früher als „Föhnfliegen“ bezeichnet haben, bevor wir dank Transponder, kompetenten Lotsen und unermesslichem Schwarmwissen den oberen Luftraum zurück entdeckt haben. Inzwischen ist es 13 Uhr – die Thermik mischt sich angenehm in die Aufwindströme an der Inntalnordseite. Die Rückenwindkomponente verkürzt die Gleitsprünge, die diesen Abschnitt in der Gegenrichtung so unerbittlich machen. Wie mit Autopilot fahre ich über Heiterwand, Wannig, Mieminger, Hohe Munde, Reither Spitze, Solstein, Seegrube. Die 160 Kilometer seit dem Montafon dauern weniger als eine Stunde und erfordern keine einzige spezielle Entscheidung. Es ist die mentale Mittagspause, die ich gerade unbedingt gebraucht habe. Immer noch 250 Kilometer bis zur dritten Wende (die identisch mit der ersten ist), aber es wird höchste Zeit die Strategie zu wählen. Natürlich könnte ich einfach bis zum Eisenerz im Hang bleiben und hoffen – aber spätestens für den vierten Schenkel sollte ich sowieso noch einmal ins obere Stockwerk. Dass der Welleneinstieg aus der Hanglinie heute grundsätzlich möglich ist, weiß ich von den drei Volltreffern am Vormittag. Also warum nicht schon jetzt, wo der Innsbrucker Luftraum überwunden ist, allmählich mit der Suche beginnen und dann bis zum Schluss in der Welle bleiben?
Um diesen Plan umzusetzen, ändere ich die Taktik. Am Bettelwurf mache ich eine eigentlich unnötige Acht, um höher am Rofan anzukommen. Am Rofan probiere ich fünf turbulente Kreise im guten Steigen, muss aber in 3000 Metern akzeptieren dass ich hier nicht weiter hinauf kommen werde. Wer überall den Welleneinstieg vermutet, verliert auch überall Zeit. Ab Wörgl stehen lauter Quellwolken, und immer wenn das Steigen anbeißt gönne ich mir einen kurzen Schlenker, gehe aber konsequent weiter wenn ich mir nicht sicher bin. Die Wolken locken mich an die Hohe Salve, wo ich mit 2-3 m/s den – wie sich an der Basis ernüchternd herausstellen wird – einzigen rein thermischen Aufwind des gesamten Tages kurbele. Wahrscheinlich hätte ich doch klassisch an den Hang des Wilden Kaisers gehen sollen, aber dort hätte ich wohl auch keine Welle gefunden. Segelflugtaktik bedeutet, Chancen zu maximieren. Und ja, zum Kitzbüheler Horn zieht sich eine schwache tragende Linie, aber in 3000 bis 2800 Metern bin ich zu tief um das Steigen zu halten. Wenigstens komme ich von hier aus völlig ohne Umweg direkt an die Leoganger Steinberge. Über Hochfilzen sinkt es dramatisch und ich erreiche mit 2100m einen neuen Tiefpunkt. Doch der Wind steht zuverlässig mit 40 km/h auf den ersten Felsen, so dass ich gar keine Zeit habe nervös zu werden bevor es mit 4 m/s in engen Achtern hinauf zum Birnhorn geht. Der Hangaufwind ist so stark, dass er mich direkt über die Cumulus-Basis hebt. Ich richte nach Südosten auf, die erste Wolke vergeht, die zweite bildet sich ein paar Kilometer weiter. 3200 Meter, 3300 Meter. Direkt neben der neuesten Quellwolke steigt es mit 5 m/s weiter. Es ist nach Karwendel, Bischling, Hochkönig und Arlberg heute das fünfte Mal, dass ich aus dem unteren Niveau bis auf FL160 katapultiert werde.

Einmal sorgfältig zielen, am Hundstein vor dem nächsten Wolkenhaufen noch einmal 500 Meter steigen, und schon bin ich in der Welle der niederen Tauern. Vor sechs Stunden war ich schon einmal hier, doch die Linie ist kaum wieder zu erkennen: Aus den einzelnen Wolkenflusen über dem sandig-grauen Morgenlicht im Ennstal ist inzwischen eine dichte Quellwolkenschicht mit klarer Lücke geworden, die genau der Kontur des Alpenhauptkammes nach Osten folgt. Es ist der absolute Jackpot. An jeder weiteren Wolkenbank wird der Ventus noch schneller, und wie heute Morgen dauern die letzten hundert Kilometer ins Palten-Liesingtal nur eine halbe Stunde. Tausend Kilometer geflogen – viertel nach drei. Jetzt bleiben noch 250 Kilometer mit Gegenwind, und gut drei Stunden bis Sonnenuntergang. Das Endspiel beginnt.
1250 km: Die beste Zahl
Ich weiß noch, wie es mir heute Morgen auf dieser Route erging, als im Ennstal nichts gegen den Wind auszurichten war. Heute Nachmittag ist die Bewölkung deutlich dichter und weist mir immerhin noch ein paar Kilometer länger den Weg. Auf dem Stück zwischen Trieben und Aigen, wo das Tal gerade noch senkrecht zum Wind steht, nehme ich die Fahrt zurück und sammle bis 4750m jedes Stück Energie ein, bis der parallele Wind des Ennstals das Vario wieder nach unten zwingt. Jetzt gibt es zwei Optionen: hoffen, dass die Linie vom Hinweg über der Talmitte noch da ist – oder nach Südwesten gegen den Wind stechen, um die Primärwelle der Hohen Tauern zu finden. Da ich die maximale Höhe mitbringe, folge ich einer wichtigen Grundregel: Wenn man es sich leisten kann, ist die luvseitigere Variante wertvoller. Nach Norden treiben lassen kann man sich danach immer noch ohne Aufwand. Doch die Primärwelle der Hohen Tauern hat mir heute schon zweimal einen Strich durch die Rechnung gemacht: Einmal morgens am Gerlos, und dann vormittags hier an eben dieser Stelle. Wenn es beim dritten Anlauf gelingt, wäre es bereits die letzte größere Entscheidung des Tages.

Der Ventus beschleunigt auf 200 km/h in eine chaotisch aufgebrochene, bleiche Wolkenlandschaft, die sich über den Tag hinweg immer mehr mit dem aufgewirbelten Wüstenstaub vermischt hat. Wenigstens ist das Gelände hier so niedrig, dass es die Turbulenzen nicht bis herauf schaffen. Irgendwo da unten müsste der Sölkpass nach Kärnten rüber führen. Trotz der 100 km/h Südwestwind rührt sich so wenig, dass ich fast froh bin als es endlich einmal mit 5 m/s nach unten geht. Vielleicht steckt doch ein Muster hinter den Quellwolken? Für ein paar Sekunden sehe ich im Westen genug Boden, um mir eine geradlinige Lücke zwischen den Wolkenschatten einzubilden. Das müsste noch ein, zwei Wolkenbänke näher am Hauptkamm sein. 3900 Meter, 3700 Meter. Quälend langsam schiebt sich die nächste Tauernrippe vor der Rumpfnase vorbei. 3600 Meter. Ich kann nichts anderes machen als drücken, sitzen und warten. Allmählich wird die Höhe knapp, um die schmalen Wolkenriegel zu überfliegen, die mir ständig den Weg nach Südwesten versperren. Einen Sprung kann ich mir noch erlauben, wenn ich etwas Fahrt heraus nehme. Das Sauerstoffgerät beschwert sich, weil ich nicht genug atme. Als ich endlich auf die andere Seite lugen kann, bleibt für einen Moment die Welt stehen.
Von links prasseln Dunst, Schneeregen, und die Trümmer vergangener Quellwolken über den Hauptkamm, darüber braune Schleier aus Wüstensand. Und rechts parallel, genau auf Augenhöhe, beginnt die große Hebungswolke der Primärwelle. Von unten saugt es krause Fetzen in die Luvkante der Basis hinein. Dazwischen leuchtet die Sonne hellblau auf das tosende Schauspiel. Durch den immer weiter hoch treibenden Sand kann man kaum mehr als 20 Kilometer entlang der brandneuen Föhnlücke nach Westen sehen, aber es gibt keinen Grund warum diese Linie noch irgendwo enden sollte. Obwohl es immer noch mit 4 m/s runter geht, weiß ich dass der Flug jetzt gewonnen ist. Der Wölbklappenhebel geht wieder auf „Play“.

1459 km: Das beste Finale
Auch wenn sich der Steigflug nach Westen unglaublich schnell anfühlt, sind es eigentlich nur die Wolken, die an mir vorbei ziehen, während ich im Gegenwind kaum 70 km/h über Grund mache. Sicherlich könnte man es aggressiver angehen, aber es wäre Unsinn, in dieser Position noch etwas zu riskieren. So dauert es eine gute halbe Stunde bis ins Pinzgau – die Wolkenreihe verspricht viel, aber die eigentlichen Aufwindfelder liegen sehr weit auseinander. Von unten und von Norden würde man die Primärwelle so wahrscheinlich gar nicht erwischen.
Klagenfurt Radar warnt vor Verkehr zwei Meilen vorne in gleicher Flugrichtung. Natürlich habe ich den Discus längst auf dem Flarm: Es ist Felix Herold, der inzwischen auch über tausend Kilometer auf dem Zähler hat, und auch er steht heute Abend auf der exklusiven Gästeliste hier am Alpenhauptkamm (mit 20 stand ich da noch nicht drauf). Mit jedem Kilometer nach Westen wird die Welle breiter und zusammenhängender. Ab Kaprun gibt es kein Halten mehr. Felix nutzt das für seinen Vorsprung aus: obwohl der Ventus normalerweise Standardklasse-Flugzeuge zum Frühstück verspeist, brauche ich bis an den Gerlos, um ihn ganz einzuholen. Gemeinsam gleiten wir über das Zillertal hinaus, und müssen uns gar nicht absprechen. Noch eineinhalb Stunden Zeit, für beide noch ein freier Wendepunkt übrig. Jetzt direkt heimzufliegen würde dem Tag nicht gerecht werden.

Mit den GPS-Spuren vom Hinweg und der immer weiter aufbauenden Wolkenkante servieren uns die Hohen Tauern das Finale auf dem Silbertablett. Die 70 Kilometer zurück an den Großglockner schaffen wir in 17 Minuten und gewinnen dabei 600 Meter Höhe, ohne durch eine einzige Turbulenz zu fliegen. Das Lenken ist hier einfach, aber die Gesamtsituation bleibt kompliziert. Da wir auf eine erneute Luftraumfreigabe für den Heimweg nach Nordwesten angewiesen sind, und dazu noch unklar ist wie gut oder schlecht die Sicht unten am Alpenrand hin sein wird, möchte ich die letzte halbe Stunde an Tageslichtreserve nicht weiter aufzehren. Also dränge ich zur letzten Wende und beginne mit Innsbruck Radar den Endanflug zu koordinieren.
Zwanzig Minuten später sind wir wieder am Gerlos und haben die Freigabe nach Nordwesten. Das schräge Abendlicht verläuft sich im Wüstensand. Mit jedem Meter, den wir aus 4800m hinunter in die Nordalpen sinken, wird das Blau über Braun langsam zu Grau. Am Rofan lösen wir die Formation auf, um mehr Spielraum zu bekommen falls wir bald nichts mehr sehen. Als ich von Achenkirch aus 3600m trotz wolkenloser Luft immer noch keine Erdsicht aufs Lenggrieser Tal habe, werde ich kurz nervös – kann man hier weiter fliegen? Doch wie auf Abruf schimmert bald die Isar durch den Dunst. Die Sicht ist so schlecht, dass ich froh bin, einfach der hellen Linie am Boden nach Norden folgen zu können. Der schwarze Schemen des Blomberg bestätigt, dass die VFR-Minima gerade so gegeben sind.

Weiter weg von den Bergen lichtet sich allmählich der Sand. Der Ventus gleitet und gleitet. Nach über 12 Stunden im Cockpit kommt es auf ein paar Minuten mehr nun auch nicht mehr an. Erst bei Tutzing lasse ich es gut sein (das Oudie sagt 1459 km) und beginne mit gesetzten Klappen in die Mondlandschaft des von Wüstensand überzogenen Alpenvorlandes abzusteigen.
Es ist nicht einfach, nach zwölfeinhalb Stunden ein Flugzeug bei Dämmerung in staubiger Sicht zu landen, während einem Tränen aus den Augen laufen. Nur wegen dem ganzen Sand, natürlich.
Der beste Epilog
Mein Flug vom 30.03.2024 wurde in den darauf folgenden Wochen als zweifacher deutscher Klassenrekord und europäischer Kontinentalrekord in den Klassen „Deklarierte (und Freie) Strecke über max. 3 Wendepunkte“ anerkannt. Es ist der erste 1250 km-Diplomflug in Europa mit einem 15m-Flugzeug.
Insgesamt war es mein 39. Flug in Südföhnbedingungen. Der Tag war so außergewöhnlich gut, dass sicherlich nicht jeder einzelne dieser Flüge als Vorerfahrung nötig war. Unmittelbar wichtig waren die beiden vorangegangenen 1000 km-Flüge am 10.03.2024 und 20.10.2023, die mir sehr bei der genauen Wahl des östlichen Wendepunktes und beim lückenlosen Erfliegen der Tauernwelle in Gegenwindrichtung geholfen haben.
Wichtig ist auch zu erwähnen, dass an diesem Tag insgesamt 6 Piloten in den Nordalpen mit teils recht unterschiedlichen Strategien die 1400 km überflogen haben, was die herausragende Qualität dieses Tages unterstreicht. Meine eigene Flugtechnik, möglichst viel Zeit in zusammenhängenden Wellenlinien zu verbringen, aber von unten heraus strikt nur Welleneinstiege zu akzeptieren die mich ohne Zeitverlust direkt aus der Hanglinie heraus holen, hat den Flug rhythmisch vergleichsweise konstant und angenehm planbar gemacht. Ich hatte selten bei einem Föhnflug so viel Kontrolle über das Höhenband bei so wenig Zeitverlust an Schlüsselstellen.
Was den Flug neben dem sportlichen Meilenstein und dem gespenstischen Wüstensand für mich besonders unvergesslich gemacht hat, war die ganztags vollkommene Abwesenheit von Zweifeln – für mich, der schon viel gesehen hat und daher meist mit dem Schlimmsten rechnet, ein eher ungewöhnlicher Zustand. Im Nachhinein sagt es sich leicht, aber ich war vom Moment des Aufstehens in der Früh bereits überzeugt, dass der Flug gelingen würde, und musste mir für den Rest des Tages eigentlich nur dabei zusehen, wie ich es mache. Eigentlich habe ich wirklich 14 Stunden lang nur geträumt. Vielleicht sind an diesem Tag ein paar erste Funken dessen durchgekommen, was Oliver Heuler in „Jenseits der Scores“ als den Schritt vom Selbstvertrauen zur Selbstvergessenheit beschreibt. Auch wenn ich sicherlich mental nicht in der Lage sein werde, jeden Flug mit einer solchen Einstellung anzutreten (ganz abgesehen von der Frage, ob das zielführend wäre), fand ich dies ein sehr nützliches Erlebnis. Doch wohin das jemals führt, das wird vielleicht einmal eine andere Geschichte.
Fußnoten zum Text:
- Erlebnisse frei erfunden! ↩︎
- Kurzfassung der Überlegungen zur Routenwahl:
Der Abflugpunkt Krün ist auf eine Welle angewiesen, aber es gibt zwei Chancen: Entweder hängt die Wellenlinie Eschenlainetal – Rißtal südlich des Walchensees ausreichend zusammen (man würde diese schon im Schlepp durchkreuzen) oder es steht etwas weiter südlich eine Leewelle des Wettersteingebirges. Gelingt der Wellenanschluss nicht, kann man vom Abflugpunkt aus immer noch in den Soiern-Luvhang bohren. In jedem Fall halte ich Krün für den sinnvollsten deklarierten Abflugpunkt nach Osten, weil man schon irgendwie auf die eine oder andere Weise ins Rißtal kommen wird und einem dort mit Höhenfreigabe schlagartig die gesamten Nordalpen offen stehen.
Der erste und dritte Wendepunkt südöstlich des Schoberpasses am Fuß der östlichsten niederen Tauern liegt genau dort, wo die Tauernwelle erfahrungsgemäß parallel zum Palten-Liesingtal nach Südosten abknickt, bevor sie sich irgendwo bei Timmersdorf verläuft oder sich zumindest die Föhnlücke schließt, weil hier einfach der abtrocknende Alpenhauptkamm zu Ende ist. Findet man den Weg hierher nicht in der Welle, kann man im Hangflug nördlich sowohl via Gößeck, Wildfeld oder Kalte Mauer im Sektor wenden, wenn auch unter eventuellem Zeitverlust.
Der zweite Wendepunkt westlich Bludenz liegt am nordwestlichen Ende der extrem zuverlässigen Montafon-Welle. Auch dieser Punkt wäre notfalls per Hangflug vom Schafberg aus oder via Itonskopf und Zimba zu erreichen, wenn auch nur sehr unwahrscheinlich notwendig.
Der Zielpunkt bei Greiling liegt bewusst gut 10 km südöstlich vom Landepunkt Königsdorf, weil das Ziel ja höchstens 1000 Meter unter der Abflughöhe erreicht werden darf, was bei einem möglicherweise recht hohen Abflug bei Krün (bis zu 3000m) nicht selbstverständlich ist – insbesondere wenn man aus irgendwelchen Gründen ohne Wellenanschluss aus dem Osten kommt, so dass man aus dem Kaiser-Luv auf die unübersichtliche Hangflugroute durchs Mangfallgebirge angewiesen ist, die ich niemandem empfehlen würde. Hier ist man dann über jeden Kilometer dankbar, der keine zusätzliche Ankunftshöhe frisst. ↩︎ - Im Nachhinein betrachtet habe ich die Querung südlich von Innsbruck unter den unterwarteten ATC-Auflagen sehr schlecht gemeistert. Verglichen mit drei anderen Flugzeugen, die zu dieser Zeit in einer ähnlichen Position waren, hatte ich das Pech zum Zeitpunkt der Schließung der Kontrollzone schon am weitesten nach Westen vorgedrungen zu sein, so dass der Sprung um ein Wellenband weiter nach Süden, den die anderen gemacht haben um die Kontrollzone komplett zu vermeiden, für mich durch eine breite Wolkenfront versperrt (und auch gar nicht erst als Option sichtbar) war. Rückblickend betrachtet wäre die korrekte Lösung gewesen, am Glungenzer umzudrehen, wieder ein paar Kilometer nach Osten zu fliegen und mich von dort aus über Lizum ins Wipptal zu stürzen. Auf diese Weise hätte ich ohne weiteren Kontakt mit der Kontrollzone unter vertretbarem Zeitverlust weiter nach Westen fliegen können. ↩︎





























































































































