Wenn ich richtig zähle, dann sind es jetzt über sechzehn Jahre. Das bedeutet, dass ich inzwischen einen weit größeren Teil meines Lebens mit Segelfliegen verbracht habe als zuvor ohne. Es heißt auch, dass ich jetzt über 30 bin (wenn ich die alten Texte lese, dann komme ich mir manchmal noch deutlich älter vor) – ein Alter, in dem ich nicht mehr komplett sicher sein kann, ob meine wichtigsten Meilensteine noch vor, oder doch bereits hinter mir liegen. Die allgemeine Statistik spricht eher gegen mich: Adams schrieb den „Hitchhiker’s Guide“ mit gerade mal 27. Kálmán machte seine wahrscheinlich wichtigste Entdeckung mit 29, und Dolores O’Riordan war erst 24, als sie für „No Need to Argue“ im Studio stand; kurzum: die meisten Personen die ich bewundere waren zur Zeit ihres größten Schaffens jünger, als ich es heute bin. Manchmal macht mich das etwas nachdenklich.
Aber das tolle an der Fliegerei ist, dass es möglich ist, mit der eigenen Erfahrung immer weiter mitzuwachsen. Und gerade in einer so emotional aufgeladenen Sportart wie Segelfliegen schadet es überhaupt nicht, den Flügen über die Jahre mit ein bisschen mehr Demut und Gelassenheit zu begegnen. Ich jedenfalls bemerke durchaus, dass ich Jahr für Jahr noch Fortschritte mache, die mir persönlich viel bedeuten.
Nicht Puimoisson, sondern Dornbirn
Dieses Jahr ermöglichte es mir der Ventus 2bx, die Thermik der nördlichen Westalpen nochmal völlig neu kennen zu lernen – ein Unterfangen, das ich bereits vor fast 7 Jahren im Rahmen des Matterhorn-Projektes begonnen hatte und das am 22.6.2017 mit dem deutschen Clubklasserekord der Zielrückkehrstrecke gipfelte. Ich weiß noch genau, wie ich auf einem der damaligen Versuche am Wendepunkt Matterhorn den (in diesem Fall zum Scheitern verurteilten) Rückweg nach Bayern antrat und in diesem Moment aus knapp 4000m Höhe über den Westgrat nach Süden ins Aostatal schaute, über dem in kristallklarer Luft die Wolken noch locker 500 Meter höher schwammen. An diesem Tag hätten sie mich ohne Zweifel weiter nach Südfrankreich getragen – ein Flug ohne Rückkehr, dessen auch nur theoretische Möglichkeit mich damals ziemlich überraschte und auf den ich weder logistisch noch mental in irgendeiner Form vorbereitet war. So wurde es nicht Puimoisson, sondern Dornbirn, wo mir spätnachmittags die Gewitter den Rückweg in die Ostalpen abschneiden sollten.
Die Möglichkeit eines Zielfluges in die Provence – möglichst mit komplettem Rückflug am nächsten Tag, um das logistische Problem elegant zu lösen – war ein Konzept, das mich seither fasziniert hat. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wurde ich geradezu besessen von der Idee. Es ging darum, meine fliegerische Heimatbasis Königsdorf auf dem Luftweg mit dem Ort zu verbinden, an dem vor elf Jahren mein erstes Sposo-Trainingslager so viele Feuer in mir entfachte, die heute noch brennen.
Und so dämmerte mir, dass im Westen noch einige offene Rechnungen auf mich warteten. Auch wenn ich das Matterhorn nun schon von Süden und Nordosten her erreicht hatte (also theoretisch bis auf die konkrete Überquerung des Walliser Alpenhauptkamms bereits den vollen Alpenbogen beflogen hatte), beschränkte sich meine Erfahrung zwischen Col d’Etache und Valpelline auf gerade eine Handvoll Flüge, weil ich immer nur im März und im September zum Training in Südfrankreich bin. Auch zwischen Hinterrhein- und Mattertal, dem definitiv schwierigsten thermischen Abschnitt der Alpen, hatte ich selbst nach all den Flügen von Königsdorf ins Wallis immer noch ein mulmiges Gefühl. Und das blieb jahrelang so, denn die Tage, um solch ein Vorhaben zu versuchen oder auch nur an den bestehenden Lücken zu arbeiten, sind rar. Was ich konkret suchte, waren drei Tage in Folge, die eine Verbindung der West- und Ostalpen zuließen. Ein Tag Hinflug, ein Tag Rückflug, und ein Tag Reserve im Falle eines nötigen Zwischenstopps. Nur einmal, am 27.06.2019, sah ich die Chance, packte hastig Zahnbürste und Unterhose in die LS1-f, war aber angesichts der Gewaltigkeit des Vorhabens schon beim Ausklinken mental so schlecht gerüstet, dass ich mehr oder weniger ohne Höhengewinn um 11:30 Uhr auf der berühmten Krün-Wiese landen musste. Bemerkenswert ist, dass der stets gelassene und bescheidene Markus Schweiger an diesem Tag, wenn auch mit großen Anfangsschwierigkeiten, mit der 17.4m-Glasflügel tatsächlich bis Barcelonette flog – und am nächsten Tag zurück. Ich hingegen hatte noch viel zu lernen.
Es dauerte nochmal ein paar Jahre, in denen ich es aus verschiedenen Gründen gar nicht erst versuchte, bis ich irgendwann urplötzlich begriff, warum ich in Krün gelandet war, und was das eigentliche Problem der Großen Traverse war, das es zu lösen galt. Es lag gar nicht im diesigen Vorderreintal, nicht im mächtigen Valpelline, auch nicht in der dunklen Maurienne: Das große Problem, die Alpen am Anfang eines möglichst dreitägigen Wetterfensters nach Südwesten zu überqueren, lag wie ein Hohn direkt vor unserer Haustür. Die Wetterfenster Mitteleuropas sind zumeist schmal und keilförmig. Greift der Hochdruck von Westen auf die Alpen über, wird er fast immer von kräftigem Nordwestwind begleitet, der aus der Restfeuchte einen unerbittlichen Nordstau zubereitet. Der Druck kann so schnell steigen wie er will, der erste Tag einer frischen Wetterlage wird in den bayerischen Alpen und in Tirol immer mit tiefer Basis, Nordwind und wenig Einstrahlung beginnen. Doch das allein wäre ja zu machen – oft genug üben wir das Fliegen bei tiefer Basis, und Nordwind kann bisweilen sogar ganz nützlich sein. Doch das Problem sind die ersten nördlichen Randberge – bei normalem Hochdruckwetter ideale Sprungbretter vom Alpenrand ins Hochgebirge – die sich nach einer abziehenden Störung einfach nicht ins System einfügen wollen. Ich erkläre mir das inzwischen so: Während unten weiterhin eine kalte Grundschicht lagert, die aufgrund des versperrenden Geländes auch nirgendwo hin ausgeräumt werden kann, wird es oben schon warm, so dass die Luft zu stabil ist, um frühe und robuste Thermik zu bilden. Die Alpenrandthermik ist gezwungen, übermäßig kalte Luft zu „atmen“, und erstickt dadurch ihren Aufstieg in der eigentlich guten Rückseitenluft. Die Geduld, durch diese oft über 20 km breite Barriere bis ins nächsthöhere System zu brechen, hatte mir bisher schlichtweg gefehlt.
Die Bedingungen sind so wie vor drei Jahren, aber diesmal bin ich gewappnet
So besteht das Abflugfenster fast jedes Traversen-Versuches aus einer Kombination solcher Probleme: Stabile Grundschicht, Restfeuchte, Nordwestwind. Und doch muss man sofort los fliegen, denn wenn man bis nachmittags wartet, kommt man nicht über den ca. 700 km langen Kurs, und wenn man auf den nächsten Tag wartet, kommt man möglicherweise am dritten Tag nicht mehr zurück, da man von der nächsten Störung im Westen oder von den Gewittern des zusammenbrechenden Hochdrucks in Graubünden verschluckt wird. Das grundlegende Problem der großen Alpentraverse ist es, trotz alledem den frühen Abflug zu meistern.
Am 17.06.2022 scheinen sich die Sterne aufzureihen. Es ist ein Freitag, in Königsdorf ist es ruhig. Um 9 Uhr sitze ich unter der Veranda und schaue in die grünen Vorberge, über denen wässrig die letzten Stratuswolken der abziehenden Störung wabern. Ich bin so in Ruhe, dass Markus mich fragt, ob ich heute denn gar nicht fliegen wolle. Ich nehme es als Kompliment und zeige still auf den Ventus, der vollbepackt und aufgetankt in der offenen Halle steht. Die Bedingungen sind so wie vor drei Jahren, aber diesmal bin ich gewappnet.
Um 10:30 schleppt mich Christian mit der Remo über Bad Tölz hinaus. Da ich den langen, unangenehmen Gleitflug über das Brauneck vermeiden und gleichzeitig meine gerade Distanz zum Ziel maximieren will, klinke ich so aus, dass ich von Nordosten her an die Tegernseer Berge gleiten kann. Der für einen Westabflug ungewöhnlich frühe Start gibt mir den Rückhalt, heute alle Zeit der Welt zu haben. Doch bin ich zu früh dran? Am Luckenkopf wird die Luft kurz lebendig, aber ich muss sofort weiter ziehen. Da am Fockenstein gar keine Wolke steht, gehe ich direkt an den Hirschbergsattel. 20 km/h Westnordwest reichen nicht für Hangaufwind, aber auch auf dem Grat regt sich überhaupt nichts. Ich treibe den schweren Ventus über die Bäume ins Lee und bin nur noch 1500m hoch. Vier, fünf Sekunden lang halte ich den Atem an, bis mich endlich der Leebart trifft. Mit 1 m/s geht es zerrissen auf 1900m. Ein ganz guter Einstieg, aber zu wenig um über das Isartal nach Westen zu gleiten. Über mir kommen und zerfallen einzelne zerbrochene Cu-Fetzen, die nichts mit den wenigen vorhandenen Bärten zu tun haben scheinen. Vorsichtig gehe ich ins Luv über den Auerkamp an ein frisches Wölkchen und bin sofort wieder auf 1600m herunter. Ich habe viel Zeit, sage ich durch die Zähne zu mir selbst und lasse mich wieder an den Hirschberg fallen. Diesmal trägt er im Luv, und mangels besserer Optionen sitze ich die 0.3 m/s aus, bis ich wieder über 1800m bin. Es ist fast halb 12, aber die Wolkenoptik und das Gefühl der unerhört stabilen Luft haben sich nicht geändert. Ich muss weiter ins Lee, wo weniger kalte Luft aus dem Flachland an die Berge geführt wird, die die Thermik von unten her erstickt. Hier oben steht der Leebart fast am Fuß des Risserkogel (ich wollte aber doch nach Westen!) – immerhin bringt er mich auf 2300m. Da das Rezept bisher funktionierte, treibe ich den Ventus noch weiter nach Süden auf die Blauberge an die erste sauber entwickelte Wolke. Aus 2500m steht mir das nördliche Karwendel offen. Da mir die verschwommene Optik in Richtung Soiern nicht gefällt, biege ich an der Fleischbank nach Süden ab, um mit Geduld den nächsten Leebart zu finden. Wieder ist es weniger als 1 m/s, aber ich brauche die Höhe: Vielleicht kann ich damit im Nordwind dem „bayerischen Parcours“ an den Kalkwänden entlang bis in die Leutasch folgen?

Sobad ich mich an die Felsen werfe, weiß ich, dass der Einstieg gewonnen ist. Der Wind ist hier fast Null (die Strömung staut sich einfach vor der riesigen Felswand), aber ich spüre deutlich wie auf einmal Energie in der Luft ist. Einige seichte Bärte kleben direkt in der Wand, und jenseits der östlichen Karwendelspitze gehen die Vario-Ausschläge erstmals kurz über 3 m/s. Ich achtere bis über den Grat und beginne zu kreisen, bis der Bart in 2500m im Lee zerplatzt. Bis zur westlichen Karwendelspitze kann ich jetzt meine Höhe im Hangflug halten. Auch der Wettersteingrat trägt schwach dynamisch auf der Nordseite, bis mich am Schachentalknick der Bart aus dem Luv zurück auf 2500m bringt. Nun ist es Zeit, nach Süden in die Leutasch abzubiegen. Die Wolkenoptik ist immer noch zerrissen und undurchsichtig, aber südlich der Mieminger lockt eine angenehm hohe Basis. In Erwartung an den nächsten zerrupften Leebart schießt der Ventus mit Rückenwind in einem Zug über den Wettersteingrat durch die Mieminger Scharte. Der Leebart im Inntal steht weit, weit südlich der Wand – ich muss fast bis an den Luftraum fliegen bis mich endlich das Steigen erfasst. Es ist 12:30 und der erste einigermaßen runde Bart des Tages bringt mich mit 1.6 m/s auf 3100m. Ich kann endlich behaupten, unterwegs zu sein.
Auch wenn ich es geschafft habe, den Abflug heute nicht zu vermasseln, läuft es nicht gut
Da Tschirgant und Venet undefiniert im Blauen stehen (scheinbar liegen auch im Oberinntal noch unsichtbare Reste der Störung), gehe ich den ungewohnten Weg direkt an den Acherkogel. Ötztal, Pitztal, Kaunergrat – jeder Bart bringt mich 100 Meter höher, bis ich schließlich in 3500m den Reschenpass sehen kann. Das Engadin ist meistens erst am Nachmittag gut, und ich weiß dass ich hier im hohen Gelände eigentlich zu früh bin – doch der Abflug hat gezeigt, dass heute nur noch die Zentralalpen überhaupt eine Chance nach Westen bieten könnten.

Wie erwartet ist das Unterengadin schwierig – ich verlasse in 3500m den stets guten Piz S’Chalambert, und habe fortan Mühe, meine Höhe im dynamischen Hangflug am Nuna vorbei bis zum Flüela zu verwalten. Kurz vor der Passhöhe mogele ich mich in einem zerrissenen Meter zurück auf 3000m, um überhaupt sinnvoll drüber springen zu können. Im Westen wehen verschwommene, weit auseinander stehende Cumulus-Fetzen über den Kämmen des Hinterreintals. Darüber ist das Licht bleich wie die Schneereste, die hier im Alpenhauptkamm dem aufkommenden Sommer trotzen. Die abziehende Störung hat zähe Cirrenfelder zurückgelassen, die einen hauchdünnen Grauschleier über das Gelände legen. Auch wenn ich es geschafft habe, den Abflug heute nicht zu vermasseln, läuft es nicht gut: Für die ersten 200 Kilometer habe ich dreieinhalb Stunden gebraucht.
Wie zu einer Fata Morgana quäle ich mich Grat für Grat nach Westen
Um die mentale Barriere aufzuheben und keine planerischen Grundsatzentscheidungen mitten aus den Emotionen des Fluges heraus treffen zu müssen, habe ich in der Vorbereitung einen strikten Entscheidungspunkt festgelegt. Ganz einfach, komme was wolle, wenn ich bis 14 Uhr über den Flüela bin, lande ich heute nicht mehr daheim. Als ich die Passhöhe und die Turbulenzen des wieder auffrischenden Nordwestwindes vom Wisshorn durchquere, schiele ich auf die Uhr: Es ist sechs Minuten vor zwei. Erleichtert schiele ich wieder auf die fahle Wolkenoptik am Hinterrhein. Gut, dass ich nicht weiter abwägen muss. Die Uhr hat es entschieden, und der Schlafsack klemmt hinter mir im Gepäckfach. Der Ventus fliegt nach Westen.

Der erste Grat jenseits des Flüelapasses bringt mich mit turbulenten 1.5 m/s zurück auf 3500m. In Richtung Piz Grisch reihen sich die krausigen Wolken, und erstmals kommt so eine Art Rhythmus auf, der mich an der Ecke des Hinterrheintals in 3000 m ohne größere Probleme einfädeln lässt. Die Leebärte auf der Talnordseite stehen zuverlässig aufgereiht, aber keiner ist stark genug um mich wieder bis an die Basis zu bringen. Kurz vor dem Talschluss in 3200m muss ich entscheiden, wie ich die letzten 70 Kilometer ins Wallis überbrücke: Gehe ich nach Norden über den Zervreila-Stausee an den Piz Medel, und bleibe damit weiter auf der leidlich bewährten Nordseite des Alpenhauptkammes, oder stürze ich mich über den Hauptkamm ins Tessin, um auf Direktkurs zu bleiben? Der Umweg der nördlichen Variante tut weh, zumal ich heute noch nie einen Stundenschnitt über 90 km/h hatte und immer noch gut 400 km nach Puimoisson vor mir liegen. Der direkte Weg nach Westen allerdings ist hinter dem riesigen Talschluss, der vom gewaltigen Rheinwaldhorn versperrt wird, nur schwer einsehbar. Mit jedem Meter, den ich weiter nach Westen fliege, wird der Knick nach Norden unrealistischer. Die letzte Wolke des Hinterreintals steht verlockend nur noch ein paar Grate weiter westlich. Ich weiß, dass sie meine letzte Chance ist, in dem einigermaßen homogenen Wetterraum, in dem ich seit der Flüela-Querung fliege, noch einmal die Basis zu kommen. Doch wie zu einer Fata Morgana quäle ich mich Grat für Grat nach Westen. Als ich erkenne, dass die Wolke in Wirklichkeit schon jenseits des Talschlusses von der italienischen Seite herauf weht, ist es schon zu spät um sinnvoll nach Norden abzudrehen: Jetzt muss ich wohl drüber. Mit knapp 150 m Reserve hechte ich über den Alpenhauptkamm. Die riesige Südflanke des Rheinwaldhorns glüht in der Nachmittagssonne, und direkt darüber steht die letzte Wolke des Graubündener Wetterraumes. Der Tag hat mich gelehrt, selbst mit 1 m/s zufrieden zu sein. Nach Westen ist alles blau. Mit jedem Kreis suche ich den fernen Horizont ab. Im Südwesten ragt der Monte Rosa aus dem Dunst, und nördlich davon schwimmen wieder einzelne hohe Fetzen, die irgendwo am Simplon beginnen müssten. Hätte ich doch im Norden bleiben sollen? Zu spät, jetzt darüber nachzudenken.
Ich kurble, bis mich die Flusen der südluftzerfressenen Basis umgeben. In 3500m richte ich auf und beginne ungewiss über das dunstgefüllte Tessin zu gleiten. Hier drin muss ich irgendwo 500 Meter steigen, dann reicht es schon über den Nufenenpass. Hoch über dem riesigen Grat des Molare tut sich gar nichts. Normalerweise würde ich jetzt aus Gewohnheit Ambri links liegen lassen, aber in Richtung Domodossola biegt meine Aufmerksamkeit auf die Gegenseite ab: Dort schwebt ein einzelner kleiner Wolkenfetzen, mindestens so hoch wie ich gerade – viel zu weit um hinzugleiten, und noch dazu in der falschen Richtung, aber es ist ein Zeichen. Die Lepontinischen Alpen sind wohl doch nicht so tot, wie sie in der bleichen Südluft aussehen. Als ich blinzele, ist das Wölkchen verschwunden.
Nach 20 Kilometern Gleitflug durch vollkommen stille Luft – normalerweise ein sicheres Anzeichen dafür, dass gerade die klassische Falle des Tessins über dir zuschnappt – fädele ich in 2800m auf Verdacht in den Grat des Monte Forno ein. Hier war ich noch nie. Genau über dem Gipfelkreuz scheint sich etwas zu heben. Die Luft fühlt sich erleichternd lebendig an, aber für den schwer betankten Ventus ist der Bart fast zu eng. Wenigstens ist hier mal kein Wind. Die 500 Höhenmeter kosten 500 lange Sekunden, doch mir soll es recht sein: Ab jetzt habe ich Endanflug auf den Nufenenpass, der mich ganz ohne Umweg ins Wallis bringt.

Um 15:30 schaue ich auf die Windräder hinab, die sich auf der Passhöhe kräftig im Nordwind drehen. Ich mag kaum glauben, immer noch fast auf die Minute genau im Zeitplan zu sein – das Durchschnittssteigen beträgt bisher ziemlich genau 1.0 m/s und ich habe das Gefühl, mehr oder weniger den ganzen Tag nur von erbärmlichen Leebärten zerhackt worden zu sein. Die dünne Abschirmung ist seit Stunden nicht weniger geworden. Viel Zeit zum Essen und Entspannen hatte ich heute auch noch nicht. Und doch fühle ich mich seltsam zu Hause, als ich an die pechschwarze Nordwestflanke des Blinnenhorns gehe und zum ersten Mal seit fast vier Jahren wieder die Luft des herrlichen Wallis einatmen darf.
Unter den Eisflanken des Dom komme ich mir in 4000 Metern lächerlich niedrig vor
Auch wenn das Oberwallis erstmal genauso blau aussieht wie das Bedretto, ziehe ich aus der Wand heraus in einem Zug auf 3300 m. Von hier aus steigt das Gelände bis zum Dom um 1500 Meter an, und der Nordwestwind hilft mir, im Luv der Giganten immer weiter mit zu steigen. An jedem Block mache ich zweihundert Meter dazu. Am Simplon steht das erste winzige Wolkenzeichen, das ich mir schon vom Rheinwaldhorn aus eingebildet hatte. Wenig später halte ich aus 3800 m auf den Balfrin zu, der als Eckpfeiler den Eingang ins Mattertal bewacht. Die Schweizer haben ihr Wahrzeichen sehr listig hinter dem Domfuß versteckt, so dass man reckenden Halses eine ganze Weile auf den Abzweig zu fliegen muss, bis sich endlich ein spitzer Zacken und wenig später das ganze prächtige Matterhorn über den Grat ins Sichtfeld hebt.


Die Aufwinde im Mattertal sind ein unvergessliches Erlebnis. Selbst an schwachen Tagen wie heute habe ich keine Probleme, endlich erfrischende zwei, später über drei Meter zu finden. Was auf der Karte aufgrund des extrem hohen Geländes wie die schwierigste Stelle der Alpen aussieht, ist mit solchen Bärten ein Kinderspiel. Direkt unter den Eisflanken des Dom komme ich mir in 4000 Metern lächerlich niedrig vor, aber nach Süden kann ich schon ins Aostatal schauen. Von hier aus könnte ich direkt über den Theodulpass gehen, aber die guten Entwicklungen beginnen erst weiter westlich im Valpelline. Der Col westlich des Matterhorns nach Italien ist fast 3600 Meter hoch, so dass ich erstmal respektvoll den Umweg ans Gabelhorn nehme, um erneut zu steigen. Diese Querung habe ich noch nie zuvor gemacht und bin froh über jeden Meter zusätzlichen Abstand zu den surrealen Eisbrocken, die es zu überfliegen gilt. Dann geht es mit viel Fahrt und knapper Höhenmarge erneut über den Hauptkamm.

Um 16:30 bin ich wieder auf der Südseite und bekomme prompt dieselben Lee-Turbulenzen auf den Deckel, die mich schon zuvor stundenlang geplagt haben. Der Ventus schießt das Valpelline herab; direkt oberhalb des Flugplatzes Aosta steht der Hausbart bis 3900 m. Hier im Süden hat die Sicht deutlich abgenommen und ich habe Glück, über dem Dunst trotzdem schon Entwicklungen im Val d’Isere zu sehen.
Die Querung zum Monte Fallere misslingt spektakulär: Ich verliere tausend Höhenmeter auf 20 Kilometern. Kurz habe ich wohl vergessen, wie wellen-intensiv das Aostatal auch bei mäßigem Nordwind schon ist, und die absteigenden Äste schlagen fast immer bis in die Konvektion durch. Auch nach einigem Mäandern gibt es kein Entrinnen, der Fallere selbst bringt ebenso nur Fallen, so dass ich mich kleinlaut nach Süden abdrängen lasse um tief unten am Paramont wieder neu anzufangen. Doch ich habe Glück und stolpere direkt über der Talmitte in einen starken Bart, der hier wohl vom aufsteigenden Teil der Welle nach oben gesogen wird. Schnell bin ich wieder auf 3500m und kann endlich in Ruhe die Südostwand des Mont Blanc betrachten, der mich noch einmal fast 1500 Meter überragt. Für einen Ostalpenflieger sind solche Dimensionen auch nach gelegentlichem Kontakt unbegreiflich, und so beeile ich mich lieber, auf den Grat vom Val d’Isere zum Lac de Tignes einzufädeln, wo trotz weiterhin sehr schlechter Sicht mit einigen wenigen, aber gut entwickelten Wolken der Weg nach Süden in die Maurienne vorgezeichnet ist. Um 17:15 überfliegt der Ventus die französische Grenze und kurz darauf die vorletzte Barriere nach Süden: den Col d’Iseran. Das Endspiel hat begonnen.


Im Anflug auf den Grand Roc Noir vergesse ich für kurze Zeit warum ich hier bin, und fliege den Westpfeiler so aggressiv an, als wäre ich vor zwei, drei Stunden in Serres oder Pui gestartet. Als der Bart nicht richtig durchzündet (wie so oft heute ist es nicht mal 1 m/s), gehe ich direkt aus dem Kreis und folge dem Grat zum Hauptgipfel. Hier ist das Steigen etwas stärker, aber wieder bin ich nach ein paar Kreisen versucht, einfach weiter zu gehen. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich schon an dieser Stelle den Anflug auf den Col d’Etache zum Sprung in die Provence aufgebaut habe, und eigentlich ist alles wie immer. Gerade als ich aufrichten will, durchfährt mich die seltsame Realität: Heute früh bin ich in Königsdorf gestartet, und jetzt schaue ich wie in einer anderen Dimension völlig fremd auf Sollieres hinab. Nichts ist heute wie immer. Noch nie bin ich so lange am Stück in eine Richtung geflogen, und noch nie war ich so weit weg von jeglicher Rückholmannschaft. Heute ist nicht der Tag, um im Modanetal den Helden zu spielen. Also gehe ich zurück in den Kreis und verlasse den Grand Roc Noir erst, als in 3800m das Steigen fast auf Null zurück geht. Den Col d’Etache habe ich seit Tignes im Rechner, und seit ein paar Minuten habe ich Plus. Ich schreibe eine Nachricht nach Hause: „Ich schaffe es.“

Die übrigen 150 km sind lange einstudiert und werden trotzdem nie alt. Direkt über der Passhöhe des Etache wird die Thermik vertraut, stark und kernig. Schon während des Einkreisens dreht die Windanzeige von Nord auf Südwest. So richtig realisiere ich es erst, als ich Briancon sehe. Eigentlich gibt es im ganzen oberen Durancetal nur eine einzige richtige Wolke, aber die steht metergenau da wo sie hin gehört. In 3000m geht es mit Manövergeschwindigkeit direkt auf den Tete de Peyron. Kilometerlang verliert der Ventus kaum Höhe, dann kommt der Volltreffer, der mich mit 2.5 m/s nochmal tausend Meter höher hebt. Natürlich habe ich kurz überlegt, einfach im Hangniveau zu bleiben und den Flug artgerecht auf Augenhöhe mit der Brise zu Ende zu bringen, aber wieder überwiegt die Vernunft, jetzt nur nichts mehr anbrennen zu lassen. Um 18:15 Uhr habe ich Endanflughöhe. Guillaume, Serre-Poncon, Morgon, Dormillouse. Trois Eveches, Cheval Blanc. Coupe. Serre de Montdenier.
Und dann kommt nichts mehr.


Die Brise trägt noch bis knapp über den Gipfel der Serre, während unten auf dem Plateau die Schatten länger werden. Um 19:15 gleite ich in die Ebene. Das Wasser bleibt drin – morgen muss ich schließlich wieder zurück. Aber jetzt weiß ich ja, wie es geht. Eine Viertelstunde später setze ich den Ventus auf die 07R. Der Empfang der bunten Truppe, die am Ende der Bahn wartet, werde ich nie vergessen. Hände und Stimmen fliegen mir entgegen, als ich aus dem Cockpit klettere. Der Ventus wird festgebunden, auch Abendessen und Bett sind binnen Minuten organisiert.

Zwei Stunden später stehle ich mich aus dem Garten des Flugplatzhauses und wandere tief atmend durch die duftenden Lavendelfelder. Jahrelang habe ich mich gefragt, wie das wohl ist, nach der großen Traverse hier unten anzukommen. In meiner Vorstellung sind es immer zwei völlig getrennte Welten gewesen. Und doch brauchte es nur einen Flug, ganz in eine Richtung, neun Stunden lang, um für immer eine einzige daraus zu machen. Die Sterne hatten sich endlich aufgereiht, und nirgendwo könnten sie schöner nach und nach aus dem Dunkelblau hervortreten als in dieser warmen Juninacht über dem Plateau de Valensole.
Ganz toller Flug und super Bericht! Vielen Dank dass du dir dafür die Zeit genommen hast! Liebe Grüße aus Colorado
Hallo Benjamin!
Wir kennen uns leider nicht persönlich. Das ist wieder ein grandioser Flugbericht. Du bist nicht nur ein hochtalentierter Gebirgssegelflieger, sondern auch ein brillanter Erzähler, man fiebert (😂) förmlich in Gedanken mit!👏 Meine Frau war immer so tolerant, mich im April und im September für eine Woche alleine nach Serres zu lassen. Ich habe dann von Klaus den Ventus CT „GB“ und später die DG 400 „AP“ gechartert. Übernachtet habe in einem der Zimmer in der BW-Baracke. Wenn ein Schnarcher dabei war, habe ich es vorgezogen mein Zelt etwas abseits aufzubauen. Auf einem Ami-Feldbett mit Klappmatraze und mitgebrachter Daunendecke habe ich dort geschlafen wie ein Murmeltier. Ohne Übertreibung: einfach herrliche Zeiten, von denen ich hoffentlich noch lange zehren kann und immer Glück mit dem Wetter gehabt. 🍀 Irgendwann einmal, habe ich meiner Frau versprochen mit 60 mit dem doch etwas egoistischem Fliegen aufzuhören. War es unter Alkoholeinfluss oder wegen der leidlichen Unfallstatistik? 🤔Ich weiß es nicht mehr….. Klaus hat jedenfalls mal gesagt, er fliegt ständig gegen seine eigene Statistik!😳 Mein krönender Abschluss war ein Flug am 20.05.2020 von Serres ans „Hörnli“ und zurück. Es war ein Spaziergang und dass, obwohl wir erst um 13:30 gestartet sind!🤗 Ich denke es gibt eine Zeit des Fliegens und eine Zeit des…ja was eigentlich? Wir haben uns jedenfalls eine alte aber gut erhaltene Corvette Stingray gekauft und wollen viel mehr verreisen 😉 Du hast Deine Flugkarriere noch vor Dir. Schau Dir Klaus’s Vita an! Ich bin sicher, dass wir noch viele spannende und fesselnde Flugberichte von Dir bekommen werden. Mach weiter so!🙌
Mit freundlichen Fliegergrüßen Friedrich Ebert
PS: am Venet haben meine Frau und ich 1985 das Gleitschirmfliegen gelernt, später habe ich Gleitschirmmotorantriebe konstruiert und gebaut 🤭
Was für ein schöner fesselnder Bericht!!!
Dankeschön
Lieber Benni,
Wiedermal ein mitreisender Bericht Deiner genialen Alpentraverse.
Du beschreibst so schön auch Deine eigene Stimmungen in den einzelnen Phasen,
so daß aus einem fachlich wertvollem Bericht eine aufregende
Abenteuergeschichte wird.
Gratuliere zu dem tollen Flug und der wunderschönen Beschreibung.
PS.: Die bedauerliche Außenlandung bei Deinem Start nach Südfrankreich im Jahr 2019, habe ich im Funk mitbekommen. Vorgewarnt bin ich deshalb sehr behutsam vorgeflogen, um das kritische Gebiet bis zum Inntal gut zu überwinden. Somit kann ich mich für Deinen “Beitrag“ zu meinem geglückten Flug nur bedanken ;-))
Ich wünsche Dir weiterhin erlebnisreiche Flüge und freue mich schon auf die spannenden Geschichten !!
Liebe Grüße
Markus Schweiger
Mein lieber Benjamin,
es freut mich mindestens maximal, dass du nun mit diesem Flug die beiden Welten verbinden konntest! Und dass die Sterne sich für dich aufreihten…
Wie immer, wenn ich Texte von dir lese, staunte ich auch dieses Mal über die harmonische Symbiose von außerordentlichem Fachwissen, lodernder Leidenschaft und sprachlicher Eloquenz, die das Lesen wie immer zu einem außergewöhnlichen Genuss macht!
Du bist einfach auf Augenhöhe mit den Bergen, mein Lieber!
Herzliche Grüße
Gerrit
Ein toller Bericht, auch für mich als Nichtsegel, vielen Dank!!
Ganz großes Kino!
Wieder mal wunderschön geschrieben, lieber Benni. Vielen Dank.
sprachlos . . .
ja Benni, ich kann in diesem bewundernswerten Bericht versinken,- so isses.
Herzlichen Gruß
Gerd Spiegelberg
Benni, vielen Dank für den Bericht! Super spannend und lehrreich. Deine Art Erlebnisse zu beschreiben ist fantastisch.
Grüße
Christian
Benni, du beschreibst es so lebendig!
Die Teile hast du zu einer umfassenden Gesamtheit zusammengebaut
Welch ein Privileg für uns daran teilhaben zu dürfen
Martin Dinges
Kopfkino an. Weiß nicht wie oft ich genickt habe und mir selbst bestätigt habe : „kenne ich“ . Und auch gut beschrieben das es auf der Route vor allem auf Geduld ankommt. 🙂 Super geschrieben Benni und irgendwann werde ich auch die Südroute durchs Tessin probieren und vielleicht endlich mal meine Neigung ablegen bei diesen Aktionen in Varese zu enden. 🙂
Lieber Benni,
herzlichen Glückwunsch zu diesem Flug und vielen Dank für diese weitere absolut begeisternde Flugfiebergeschichte. Aktuell ungefähr doppelt so alt wie Du, ist es für mich ein tolles Geschenk an solch einem genialen Flug teilhaben zu dürfen. Du hast die Gabe alles so zu schildern, dass man im Geist den Flug selber erlebt, auch wenn ein solcher Flug komplett ausserhalb der eigenen Möglichkeiten liegt. Bei Dir trifft aussergewöhnliches technisches know how auch noch auf das sprachliche Können alles gekonnt in Worte zu fassen! Toller Bericht! Noch mal vielen Dank dafür!
Karin W.