Herbst war es geworden.
Die flache Mittagssonne ließ den Alpenrand vom Wendelstein bis zur Zugspitze hinüber in einem kristallenen, stahlblauen Licht erscheinen.

Über das Segelflugzentrum Königsdorf hatte sich eine angenehme Ruhe gelegt. Lediglich ein einzelner Schleppzug zog hoch über den Waldrücken hinweg; die beiden Striche im Blau, durch ein dünnes Seil verbunden, verloren sich schon im Gegenlicht, als der Junge am Steuer des Discus ausklinkte und sich alleine auf den Weg nach Westen machte.


Mit den Möglichkeiten des Wetters war auch meine fliegerische Aktivität zurückgegangen; der letzte Streckenflug des Jahres lag nunmehr einen Monat zurück.
Doch der Grund, warum ich heute flog, war ganz anderer Natur, und mein Ziel lag fernab von Wolkenstraßen und Felskämmen.
Die Zahlen des Endanflugrechners blieben konstant, und die Zeiger über den Instrumenten bewegten sich ruhig. Noch 19 Kilometer bis Paterzell, Kurs 280 Grad, 800 Meter über dem Boden, Geschwindigkeit 120 km/h. Die Luft war völlig ruhig und trug mein Gewicht so zuverlässig wie Schienen.

Wolken spiegelten sich im Wasser unter mir.
Zuerst der Starnberger See, dann Weilheim zogen unten vorbei. Es war wie Fliegen.
Als ich Max zum letzen Mal gesehen hatte, war er in einer Art von Wal neben mir hergeflogen. Das war im Juli. Und heute kam ich endlich einmal wieder auf ein Schwätzchen herüber.

Ich drehte in den Landeanflug auf die schmale Asphaltpiste 18 des kleinen Flugplatzes Paterzell. Als ich zu den Gebäuden rollte und die Haube öffnete, waren überraschend viele bekannte Gesichter unter denen, die ich begrüßte.
Max führte mich herum, und so lernte ich einen sympathischen Flugplatz kennen.

Und einen gastfreundlichen Verein mit einem wohnlichen Vereinsheim einem ansehnlichen Flugzeugpark, und einem klugen Schild, das immer da hin zeigt, wo sich gerade Zuschauer befinden. (Glaube ich.)

Dann setzten wir uns hin wie zwei Kaffeetanten, sahen in die Berge, schauten Fotos an, schmiedeten Pläne und Verschwörungstheorien, und träumten vorsichtig vom Sommer.
– Eine wunderschöne rot-blaue Husky zog mich wieder in die Höhe. Das Licht auf dem Heimflug zeigte die Erde unter mir von einer völlig anderen Seite als noch drei Stunden zuvor.

Der Abend entzog der Luft auch die leiseste Turbulenz, so dass ich von Weilheim bis Beuerberg kaum ein Ruder bewegen musste.


Über das Segelflugzentrum Königsdorf hatte sich eine angenehme Ruhe gelegt. Lediglich am westlichen Horizont erschien ein einzelnes kleines Flugzeug, zog eine flache Bahn hoch über den Waldrücken hinweg und drehte einige schwungvolle Pirouetten in den Himmel.
Die tiefe Abendsonne ließ den Alpenrand vom Wendelstein bis zur Zugspitze in einem feurigen, goldroten Licht erscheinen.

Herbst war es geworden.