Die Geschichte vom unmöglichen Luftsprung, Kapitel 3

Jetzt fängt die eigentliche Geschichte an. Es hat lang gedauert (ich weiß jetzt, was eine Schreibblockade ist – außerdem hatte auch ich Sommerferien!), aber nun viel Spaß damit.

Am neunten August brachen wir (das heißt: die „2D“ im Anhänger und ich im Auto) nach Ansbach auf. Am zwölften würde der erste Wertungstag der bayerischen Juniorenmeisterschaft sein, und ich wollte die Tage davor nutzen, um etwas Urlaub zu nehmen und mich an das Gebiet zu gewöhnen.

09. August

Mann, was hatte ich mich auf diesen Moment gefreut. Klar war ich schon öfter mitsamt Flugzeug im „Urlaub“, also auf Trainingslager, gewesen und mit einem solchen schlanken, langen Anhänger im Schlepptau losgefahren. Aber diesmal war es anders. Denn diesmal war es kein Training, sondern der Ernstfall. Diesmal ging es auf einen echten Wettbewerb.

Segelflugwettbewerbe sind Luftrennen. Festgelegte Strecken von etwa 150 bis 500 km Länge sind von allen Teilnehmern gleichzeitig und so schnell wie möglich zu umrunden. Oft erkläre ich einfach: „Es ist wie Formel 1, nur viel cooler.“

Auf der Fahrt hörte ich die „Killers“ und freute mich über jeden erstaunten Blick, der mein ungewöhnliches Gespann streifte. Der weiße Hänger mit den drei Weihnachtssternen zockelte hinter dem roten Auto über den Asphalt.

Aufregende Gedanken über die nächsten zwei Wochen jagten einander durch meinen Pulsschlag. Eindrücke von den bisherigen Flügen vermischten sich mit Vorstellungen und Erwartungen von allem, was noch kommen würde. Das Segelfliegen in diesem Sommer (und das war der einzige sichere Gedanke, den ich seit Monaten fassen konnte), daran würde ich mich noch sehr lange erinnern.

10. August

Der Campingplatz füllte sich. 01

Überall sah man Hände einschlagen, hörte Piloten ihren Namen nennen und ihr Gegenüber erstaunt „Ach, du bist das also!“ rufen. Durch die deutsche Streckenflugmeisterschaft (DMSt), wo die Piloten ihre Flüge selbstständig planen und per Internet veröffentlichen, sind die Namen der Piloten untereinander wohlbekannt; die Gesichter der meisten Junioren und Wettbewerbsneulinge allerdings fallen nicht in diese „Berühmtheit“. So hatte ich selbst am Vorabend zwei mal den Satz „Dich habe ich mir aber ganz anders vorgestellt!“ gehört und häufig eine andere Top-20-Platzierung im DMSt – Wettbewerbsgeschehen im Gesicht vor mir erkannt.

Jeder hatte so seine eigene Art, sich auf das Rennen vorzubereiten. Einige waren noch gar nicht da, andere lagen vor dem Zelt und lasen Bücher über Flugstrategien; Einige zogen von Zelt zu Zelt, um locker  mit den Konkurrenten zu plaudern und ihre Anspannung zu verbergen. Wieder andere schlichen ruhelos zum Anhänger, in dem ihr Flugzeug verstaut war, zogen den Rumpf heraus, polierten über Stellen der ohnehin tadellosen Oberfläche, und verstauten alles wieder.

Als ich dies zum dritten Mal an diesem Tag tat, musste ich es mir doch selbst eingestehen: Benni, du bist nervös. Und wie du nervös bist.

Fliegen tat keiner. Bei diesem Schauerwetter war daran einfach nicht zu denken.

Am Abend hatte ich mich mit ein paar bekannten Gesichtern (Die Segelfliegerwelt ist unwahrscheinlich klein) zusammengefunden und wir saßen in einer improvisierten Campingstuhlrunde, als eine Gestalt aus der Dunkelheit in die Runde lächelte: „Tut mir Leid, dass ich euch meinen Piloten für einen Augenblick wegnehmen muss!“

Hans war gekommen. Hans, mein ehemaliger Fluglehrer, jetzt mein fliegerischer und sportlicher Betreuer (Mensch, klingt das wichtig!).

Wir setzten uns in seinen Wohnwagen, breiteten die große Flugkarte vor uns aus, verschütteten Traubensaft über die Luftraumstruktur im bayerischen Wald und waren uns einig, dass ich mir hier einen Quali-Platz erfliegen könnte – vor allem aber, dass der Wettbewerb eine der interessantesten und schönsten Herausforderungen darstellt, die die Fliegerei zu bieten hat.

Es konnte losgehen.

11. August – Trainingstag: „Aufrüstübung, sonst nichts“

Dann war Toni Lugtenburg da, den ich in Stölln kennengelernt hatte. Er hatte seinen Rückholer Max und seine Freundin Marie dabei, und zusammen mit Hans und mir waren wir eine ganz ansehnliche Mannschaft, die sich nun in der südwestlichen Ecke des Camps wohnlich einrichtete.

Das Wetter war furchtbar, doch die Wettbewerbsleitung wollte ihren Piloten einen Trainingsflug ermöglichen. Ich wollte diese auch in Anspruch nehmen. So rüsteten wir die 2D auf und zogen sie in die – heute noch lange nicht vollständige – Startreihe.

02

Warten und Hoffen blieben vergeblich. Nach zwei Stunden standen die meisten Flugzeuge wieder vor den Anhängern. Heute wollte uns das Wetter wieder keine Chance zum Fliegen geben.

Abends beim offiziellen Eröffnungsbriefing räumte man uns für den ersten Wertungstag allerdings Chancen auf ein Wetterfenster ein.03

12. August – 1. Wertungstag: „Segelflugzeug-Weitwurf“

Viele wollten sich keine Blöße geben und tankten am ersten Morgen des Wettbewerbs die maximale Wassermenge in ihr Flugzeug. Abwerfen kann man den Ballast ja immer noch, doch solange er das Flugzeug schnell macht, wird man ihn mit sich ziehen.

04

Die Aufgabe über 230 km führte um die Wendepunkte Gerstetten und Donauwörth wieder nach Ansbach zurück. Für das schlechte Wetter wurde sie allgemein als sehr sportlich angesehen. „Doch wir sind ja nicht beim Ballett!“

– Dass wir vielleicht doch beim Ballett waren, zeigten uns die ersten Pulks, die tief – sehr tief – über dem Flugplatz zu tanzen begannen. Die ersten Flieger mussten wieder landen, noch bevor die letzten gestartet waren.

08

Dann war ich an der Reihe. Mit dem schwer betankten Discus kam ich in den schwachen, mit anderen Teilnehmern reichlich überfüllten Aufwinden kaum in die Höhe. Irgendwann musste ich es meinen Vorgängern gleichtun und landete wieder in Ansbach. Noch immer hatte ich mein Ballastwasser nicht vollständig aufgegeben – ein dummer, folgenreicher Fehler.

Zweiter Start. Wieder war das Wetter zäh, die Wolken unzuverlässig und schattig. Ich ließ viel zu spät mein gesamtes Wasser ab, doch nicht einmal mit dem geringstmöglichen Fluggewicht schaffte ich es, noch in die Höhe zu kommen. Ich war einer von Wenigen, die zum zweiten Mal in Ansbach landen mussten. Meine Nerven lagen absolut blank  – die Abfluglinie war bereits geöffnet, und bald würden die ersten Flugzeuge die Starthöhe erreicht haben.

Dritter Start an diesem Tag. Endlich, tief unter den letzten anderen Flugzeugen, traf ich einen vernünftigen Aufwind. Doch es war spät am Tag geworden und die Thermik würde nicht mehr besonders lange arbeiten. Es war klar, dass niemand, selbst wenn er so bald wie möglich los flog, die heutige Aufgabe vollenden können würde.

Als allerletzter konnte ich endlich auch abfliegen. Jetzt hieß es: Schadensbegrenzung betreiben und den Zeitrückstand von meinen Fehlstarts verringern. Irgendwo auf der Strecke würden alle liegen bleiben, denn es war einfach zu spät geworden – Ziel für jeden war es, so lange wie möglich in der Luft zu bleiben und sich dann auf ein sicheres Außenlandefeld zu werfen.

Langsam beruhigten sich meine Nerven. Aus Funkmeldungen konnte ich die ersten Flugzeuge dreißig, vierzig Kilometer vor mir abschätzen. Die Lage schien aussichtslos, aber: ich saß im Flugzeug. Ich hatte Spaß, und ich begann zu rennen. Abwägen zwischen Außenlanderisiko und Zeitvorteilen, optimale Vorfluggeschwindigkeit, präzises Zentrieren. Immer wenn ich mich so schnell fühle, habe ich Spaß, und immer wenn ich Spaß habe, fliege ich konzentriert und somit noch schneller.

Ich schaffe es meistens nach etwa dreißig Flugminuten, in dieses mentale Gleichgewicht zu finden. Die Fähigkeit, den so genannten „Flow“ in beinahe jeder Situation zu erreichen, betrachte ich als fundamental wichtig für einen schnellen Flug. Ihr ist es zuzuschreiben, dass ich über Aalen den hinteren Teil des Feldes eingeholt hatte. Einige Flugzeuge hatte ich schon auf dem ersten Schenkel am Boden liegen sehen, andere noch im Flug erreicht. Viele waren aber offenbar noch vor mir.

Zu dritt umrundeten wir Gerstetten. Es war halb sieben und vor die schwache Sonne schob sich ein dicker Schirm aus Cirruswolken. Im letzten Aufwind gewann ich die Oberhand. Kaum hatte uns der Wolkenschatten erreicht, verflüchtigte sich das Steigen.

Ein leicht ansteigendes, abgemähtes Stoppelfeld nahe der Rauhen Wanne diente mir nach einem langen Gleitflug um kurz vor sieben als Landebahn. Wie viele der Kollegen vor mir gelandet waren, vermochte ich nicht zu sagen – die Wolkenabschirmung hatte ihnen auch eine halbe Stunde früher schon den Garaus gemacht.

Bei Sonnenuntergang kam Hans mit dem Anhänger. Toni nahm mir per Handy einen großen Stein vom Herzen: Ich war Tages-Siebter geworden. Niemand aus der Standardklasse hatte die Aufgabe umrundet.

So war ich am ersten Wertungstag nach meiner anfangs gravierend schlechten Fliegerei doch noch völlig ungeschoren davongekommen.

– nun ja, so ganz ungeschoren dann doch nicht: Beim zweiten erfolglosen Startversuch war ich eine Spur zu mutig geworden und hatte versucht, aus weniger als 150 m Höhe direkt über dem Flugplatz noch einen Aufwind auszunutzen. Das folgende Foto ist vom Boden aus entstanden (böse Zungen behaupten: Ohne Zoom 😉 )09

Dieser unnötig behindernden Turneinlage wegen zeigte mir die Wettbewerbsleitung die gelbe Karte – sie sollte zum Glück keine Konsequenzen haben; aus so etwas lernt man einfach.

13. und 14. August: „Nerven behalten und warten“

Die nächsten beiden Tage ließen uns erneut keine Chance auf Streckenflüge: Wenn es nicht gerade regnete, so hingen doch zumindest tiefe, schwere Wolken über dem Wettbewerbsraum.

Mathias Schunk kam mit der SD und seinen beiden Kids angeflogen, um seine älteste Tochter Marie zu besuchen, und zusammen vertrieben wir uns schon irgendwie die Zeit.

10Feldbriefing nach dem Startaufbau: Der Wertungstag wird neutralisiert.

15. August – 2. Wertungstag: „Mein Waterloo“

Es würde heute die längste Aufgabe des ganzen Wettbewerbs geben: Man schickte uns 430 Kilometer weit um die Wendepunkte  Bartholomae, Kehheim, Roding, und Weißenburg. „Ihr müsst ganz schön weit in den Osten, und es sind einige Schwierigkeiten dabei. Das wird eine selektive Aufgabe…“, so hörten wir es im Mannschaftsbriefing.11

Am Anfang sah es sehr, sehr gut für mich aus. Fünf bis zehn Minuten nach den meisten anderen flog ich über die Startlinie. So begann meine Zeit erst jetzt zu zählen.

Im Infoteam mit Jonas Biesen („5Fox“) schlossen wir unter einer Wolkenstraße rasch auf den Pulk auf. Schon nach einer halben Stunde waren wir mitten in einem großen Haufen von Segelflugzeugen, mit dem wir mitschwimmen konnten. So erreichten wir den kleinen Flugplatz Bartholomae-Amalienhof.

Etwa 20 Minuten nach der Wende wurde ich des Hauptfeldes langsam müde, da die Gesamtheit aller Flugzeuge einfach nicht so effektiv flog, wie es alleine möglich wäre. So trafen Jonas und ich einige eigene Entscheidungen und setzten uns flink nach vorne hin ab. Der Flug wurde schnell.12

Und dann, über Kelheim, wurde er wieder langsam. Wir waren in die Falle einer anderen Luftmasse getappt und mussten uns unter Zeitverlust aus geringer Höhe wieder hocharbeiten. Weiter nördlich zog das Feld in großer Höhe vorbei, und wir hatten unseren Vorsprung in einen Rückstand umgemünzt.

Wir kamen aber hinterher, vorbei an Regensburg und zur östlichsten Wende, Roding. Ab hier wurde es schwierig.

Wir waren über vier Stunden geflogen und meine Konzentration war ständig voll gefordert gewesen. Nun passierte mir der entscheidende Fehler des Fluges: an einer kritischen Stelle stieg Jonas in einem guten Aufwind davon, den ich – wie verhext – einfach nicht traf. So musste ich tief unter ihm weiterfliegen und konnte das gute Steigen oberhalb der Windscherung nicht nützen.

14

Fünf Uhr, bald wurde es halb sechs. Die Sonne k0nnte die Aufwinde nicht mehr durch die Scherung hindurchheizen. Jonas hatte fast wieder zum Pulk aufgeschlossen. Ich musste kämpfen.

Ich landete um halb sieben völlig frustriert am letzten Wendepunkt dem Flugplatz Wülzburg, 40 km von der Ziellinie entfernt. Dies kostete mich mehr als 500 Punkte auf den Erstplatzierten.

Tages-Vor-Vorletzter.

Heute war  in der zweiten Hälfte des Fluges vieles schief gelaufen, was am Anfang so gut geklappt hatte. Dem Pulk im Mittelteil der Aufgabe davonzufliegen, ist ein No-Go. So sagen es die Profis.

Leider müssen die Neulinge manchmal am eigenen Leib in der Praxis spüren, dass die Theorien der Profis schon ihre Gründe haben.

Letztlich schuld war der Fehler ganz im Osten, den ich auf mangelnde Ausdauer zurückführe. Dementsprechend begann ich auch, meine Verpflegung während des Fluges kritisch zu überdenken.

Von Gesamtplatz sieben auf vierzehn heruntergerutscht – viel schlechter hätte es gar nicht laufen können. Aber: „Ich mache es halt ein bisschen spannend“, erklärte ich an diesem Abend. Zum Aufgeben war es definitiv einfach noch zu früh. Es lagen noch sieben mögliche Wertungstage vor uns.

Es war tatsächlich eine selektive Aufgabe gewesen. Nur: Dass sie ausgerechnet mich selektieren musste…

13

Fortsetzung folgt.

Auch wenn die Geschichte noch lange nicht zu Ende ist, möchte ich mich schon mal bei Karsten Leucker, dem Fotografen des Wettbewerbs, bedanken. Er hat mir freundlicherweise seine Bilder zum Veröffentlichen zur Verfügung gestellt. 🙂

Veröffentlicht in Alle

Die Geschichte vom unmöglichen Luftsprung, Kapitel 2

Die Tage vor der Meisterschaft brachten noch drei sehr interessante Flüge mit sich:

Mittwoch. Ins Blaue hinein

Zurück in Königsdorf. Die meisten hatten schon wieder eingepackt. Hätte ich auch fast. Man wartete auf den magischen Moment des Thermikbeginns, und es schien, als wartete man heute vergeblich.

Laut Vorhersagemodell hätten wir ab elf Uhr fliegen können, aber nun war es bald eins, es war 30 Grad warm, und der Himmel eisern blau. Im Norden schwammen wässrige Cumulus-Wolken, aber sie waren von Königsdorf aus nicht zu erreichen.

Die Startreihe war dünn besiedelt; man musste entweder besessen oder meteorologisch unbegabt sein, um heute starten zu wollen.

Ich wollte starten.

Benjamin Bachmaier

Um halb zwei war ich in der Luft. In 500 m Höhe warf ich das Seil und fand keine Thermik. Nein, es war mehr ein Luftstrudel, und zwar ein ziemlich lahmer Strudel! Es schien, als hätte ich über der Königsdorfer Sandgrube den einzigen Aufwind der Gegend gefunden. Bald bekam ich von zwei anderen Flugzeugen Gesellschaft, und wir ließen uns vom Ostwind nahezu 10 km nach Westen versetzen. Endlich hatten wir uns nach oben geschwitzt. Eine halbe Stunde nach dem Start war ich 900 Meter über Grund und bereit zum Abflug. Mein Ziel: Die Wolkenbänder nördlich von mir zu erreichen, um ihnen nach Osten zu folgen.

PICT0144

Siebenhundert Meter, neunhundert Meter, siebenhundert Meter hoch. Es ging mühsam von Strudel zu Strudel voran. Endlich, bei Wolfratshausen besseres Steigen. Mit bis zu 1,5 m/s kam ich auf 1100 m und war hoch genug, um mich an die ersten Wolken bei Schäftlarn zu wagen. Zögerlich begann ich, Vertrauen in diese Kondenzen zu setzen. Eine Wolkenstraße nach Osten wies mir den Weg; dahinter folgten weitere Zeichen guter Aufwinde.

Der Anfang hatte mich eine Stunde Zeit gekostet. Doch nun tauchte ich in anhaltendem Steigen unter den Wolken nach Osten, das Flugzeug blitzte in der Sonne, und die brodelnde Luft versprach noch mindestens zwei Stunden schnellen Fluges.

PICT0143

Flug1

Donnerstag. Die Berge, da oben

Erst zog Mathias Schunk über den Rand des Inntals hinweg nach Südosten, dann Vincent Schwaller, und fünfhundert Meter dahinter flog ich. Wir bewegten uns tief im Relief.

„Hab ich euch eigentlich schon gesagt, dass ich hier noch nie so niedrig gewesen bin?“ – Mathias Stimme schien im Funk keineswegs beunruhigt. Vielmehr schien sie zu sagen: Wer um alles in der Welt würde bei diesem miserablen Wetter ein über 600 Kilometer messendes Dreieck zu umrunden versuchen? Warum tun wir uns das an, in halber Berghöhe an der Felswand des Wilden Kaisers entlang zu fliegen?

Die Antwort war einfach: Wir wollten zwei Titel gewinnen. Kämen wir mit mindestens zwei Flugzeugen über die Strecke, würden wir die Mannschaftswertung der DMSt gewinnen. Die Punkte würden mich außerdem zum deutschen Langstrecken-Juniorenmeister der Standardklasse machen.

Um viertel nach drei, auf dem Heimweg (wir waren fast fünf Stunden geflogen und dabei dreimal fast außengelandet; die 600 km hatten wir längst aufgeben müssen) traf ich zum ersten mal an diesem Tag auf einen Aufwind, der diesen Namen verdiente. Der Pinzgau schien brauchbare Thermik zu liefern und wir konnten bis auf 2700 m steigen. In zwei Stunden würden wir wieder daheim sein.

„Vorhin, in 1600 m in den Tauern, da bin ich um zehn Jahre gealtert“, gestand ich den beiden anderen Piloten im Funk.

Wir würden es morgen eben nochmal versuchen müssen.

Flug2

Freitag. Traum und Erwachen

Wir hatten schon wieder zu viel Zeit verloren. Schon am ersten Wendepunkt (Diesmal war es St. Moritz) waren Vincent und ich viel zu spät. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil Mathias nach dem Abflug nicht hoch genug steigen konnte und wieder nach Königsdorf abdrehen musste. Ohne ihn hatte ich bei diesem schwierigen Wetter keine Chance, und Vincent war zum ersten Mal in diesem Gebiet unterwegs.

PICT0150

Das Vintschgau war von tiefen Wolken gefüllt, so dass ein weiterer Umweg bevorstand und wir Lienz heute nicht mehr erreichen können würden. Also machten wir uns einen schönen Tag über den Bergen. Ich probierte viele Dinge aus, und zeigte Vincent die Gegend. „Es ist viel schwieriger als in Südfrankreich“, sagte er mir nachher. Ich bin sicher, würde er mir die Seealpen zeigen, dann würde ich das gleiche behaupten.

PICT0164

PICT0167

Kilometer und Meistertitel wurden mir egal. In 4000 Metern, hautnah am Alpenhauptkamm, fernab jeglicher größerer Menschenansammlungen, bei 150 km/h, verliert jede Wirklichkeit ihre Dimension.

PICT0176

PICT0181

PICT0185

Wir tanzten uns vom Berninagletscher über den Ofenpass, über den Reschenpass zum Kaunergrat, über die Ötztaler Alpen und den Brenner ins Zillertal. Es war großartig. Dann schlug ich vor, den Hauptkamm nach Italien zu queren. So kamen wir abends doch noch bis etwa 20 km vor Lienz. Doch die Uhr tickte und mahnte zur Umkehr. „Komm, lass uns nach Hause fliegen.“

Ich flog als erster über den Hauptkamm, und sah auch als erster, dass man nach Norden hin gar nichts mehr sah.

Die Wolken fielen tiefer und tiefer,  je weiter nach Norden wir uns gegen die Wolken drängten. Zillertalausgang. Rofangebirge. 2500 m. 2000 m. Ein Aufwind, und wir schaffen es über die Blauberge nach Deutschland, und dann auch nach Königsdorf. Der Rofan trug nicht mehr. Am Achensee ließ sich das Steigen nicht in Kreise fassen. Die Blauberge wuchsen immer höher.

Nach neun Stunden Flug setzte ich den Discus auf die gemähte Wiese in Achenkirch. Vincent folgte eine Minute später. Mein Ärger, dass dieser wunderbare Flug so enttäuschend zu Ende gehen musste, war maßlos. Doch es ließ sich nicht ändern; und zu zweit lässt es sich auf einer Außenlandewiese immer ganz gut aushalten.

PICT0187

So lernte ich den zwei Meter großen französischen Fluglehrer Vincent Schwaller kennen, einen sehr guten Bergflieger und netten Menschen, mit einem hinreißenden Akzent!

Flug3

Samstag: Ich breche nach Ansbach auf

Die Meisterschaft war verloren. Tage später meldeten andere Piloten aus Mitteldeutschland noch größere Flüge. Somit hätten nicht einmal diese Punkte gereicht.

So gratuliere ich mit vollster Anerkennung Tobias Lübbe aus Backnang zum deutschen Meistertitel 2009!

Dies war der erste Teil des unmöglichen Luftsprunges. Dieser, und das muss ich eingestehen, dieser war tatsächlich unmöglich geblieben. Nun hieß es nach vorne schauen und in Ansbach alle Fähigkeiten, die ich in den letzten viereinhalb Jahren gelernt hatte, einzusetzen.

Fortsetzung folgt.

Die Geschichte vom unmöglichen Luftsprung, Kapitel 1

Ich will erzählen, was ich den ganzen letzten Monat lang gemacht habe.

Was ich auf den Wettbewerben und allem drumherum der letzten Wochen erlebt habe, ist für mich als fliegenden Journalisten auf jeden Fall wert gewesen, eine Story daraus zu machen.

Es ist eine lange Geschichte, deswegen schreibe ich sie auch stückweise. Hier ist der erste Teil! Die meisten wissen ja sowieso schon, wie alles ausgegangen ist.

„The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“

Ich glaube, es war ein Mittwoch.

Wir saßen zu viert bei meiner guten Fee Alina zu Hause und tranken Wein. Die Sommerferien in Bayern würden in eineinhalb Wochen beginnen, und wir würden uns für einen Monat nicht mehr sehen. Für Alina und mich hatten die Ferien nämlich schon begonnen. Ihre nächste Station hieß Uganda – meine eigene hieß Stölln und war ein kleiner Flugplatz in der Nähe von Berlin.

Mathias „Google“ von der Akaflieg München hatte mich gebeten, sein Bodenhelfer auf der dortigen Qualifikationsmeisterschaft zu sein – ein Angebot, das ich angesichts der mir selbst unmittelbar danach bevorstehenden Bayerischen Meisterschaft in Ansbach gerne annahm, um erste Wettbewerbsluft zu schnuppern.

Ich war voller Spannung und Vorfreude auf die beiden Wettbewerbe. Auf Ansbach hatte ich mich schließlich schon monatelang vorbereitet und ich fühlte mich in diesen Tagen, wie man sich eben fühlt, wenn etwas großes, wichtiges und schönes bevorsteht.

„Nimm Dir Essen mit, wir fahr’n nach Brandenburg“

Es nieselte leicht, als Google und ich am nächsten Vormittag langsam über die Landebahn des kleinen Flugplatzes an der Ottengrüner Heide schlenderten. Wir warteten auf den Landestrainer Claus Triebel, dessen LS 8 Google zur Qualifikation für die DM 2010 tragen sollte. Heute Abend würden wir in Stölln eintreffen.

Es ist immer ein tolles Gefühl, mit einem dieser langen, schlanken, weißen Anhänger über die Autobahn zu brausen.

Sechs Stunden später waren wir da, aber fanden den Flugplatz nicht. Erst als die stark hügelige, mit Schlaglöchern versetzte Wiese Landebahnmarkierungen an den Rändern zu haben schien, begriffen wir, dass es an der Zeit war, den Anhänger abzustellen und unsere Freunde auf dem Campingplatz zu suchen, um das Lager aufzuschlagen.

PICT0006

„Von Paddelhof bis Ponyboot“

In Stölln wurde ein wunderbarer Wettbewerb geflogen. Die sympathische Leitung und Organisation des Wettbewerbs ergänzten sich mit weiten, schnellen Wertungsflügen auf höchstem Niveau, einer ausgezeichneten Stimmung und glänzendem Segelflugwetter. So „mussten“ wir kaum einmal auf die an der originellen Pinnwand vorgeschlagenen Freizeitmöglichkeiten im Falle einer Tagesneutralisation zurückgreifen.

PICT0015

Als Rückholer ist man an den Boden „gekettet“. Manchmal tut das schon weh. Andererseits, wenn mittags die Flugzeuge endlich alle gestartet sind, und man 400 Flugkilometer lang Zeit am Boden hat, kehrt eine seltsame (und seltene) Ruhe auf dem Wettbewerbsflugplatz ein. Bodenmannschaften (wie auch die Rückholer unserer Verbündeten und ich) bildeten im Camp kreise um ihre Funkgeräte und hörten den Abflugverfahren zu. Alle drückten ihren „Helden“ die Daumen.

Manchmal saß ich nachmittags eine Weile am Lilienthal-Denkmal auf dem Gollenberg, jenen bemitleidenswerten 40 Höhenmetern, auf denen unser großer Vorfahre seine ersten Absprünge und Flugversuche (und seinen letzten) durchgeführt hat. Ach, Herr Lilienthal…

Wenn dieser Mann nur sehen könnte, was wir nun, über hundert Jahre später, mit seiner Kunst tun können. Wenn er sein Traum vom Segelflug wahr geworden erleben könnte. Wenn er die vielen jungen, talentierten und begeisterten Flieger um sich herum sähe – wie wir hunderte von Kilometern ohne Motorkraft zurücklegen und es den Vögeln gleichtun – er wäre der stolzeste und glücklichste Mann, der je auf Erden war.

PICT0041

Die Streckenflieger der Akaflieg München – Mathias Gogl, Phillip Theilmann und Hannes Röpling – haben ihre Sache gut gemacht. Phillip hat sich direkt qualifiziert, Hannes und Google sind erste Nachrücker ihrer Klassen geworden. Falls ich es in den folgenden Wochen in Ansbach nun auch noch zu einem Qualiplatz bringen würde – ja, dann wäre (mit ein bisschen Glück) die Königsdorfer Fraktion auf der deutschen Meisterschaft 2010 komplett und perfekt.

„And now: over to you!“

Wir hatten uns den ganzen Tag über mit dem Fahren abgewechselt und es nahte der Moment des Abschieds. In der Tür eines Krankenhauses in München (fragt besser nicht, warum gerade ein Krankenhaus!) drückte ich Google die einzige Hand, die bei ihm noch funktionierte. Er war dankbar, dass ich mitgekommen war um ihm  zu helfen, und ich war dankbar für den „Urlaub“ und die Einstimmung auf das, was in nunmehr knapp einer Woche für mich folgen würde. Gleiches Spiel, andere Gegner, anderer Ort. Nur diesmal war ich selbst im Cockpit an der Reihe, um einen Qualiplatz zu erobern…

„Und fall, bitte, nicht vom Himmel.“

So verabschiedeten sich viele von mir, als ich dazwischen wieder einige Tage in Königsdorf und Umgebung auftauchte. „Wir mögen dich trotzdem noch, wenn es nicht klappt“ war fast so ermutigend wie „Ich glaub an dich, und es reicht ja, wenn das einer von uns tut.“

Man merkte mir sicherlich an, dass ich nervös war. Auf dieses Event wartete ich tatsächlich schon, seit ich den Flugschein besaß…

Und so machte ich die „2D“ für ihre größte Herausforderung in diesem Jahr startklar. Die Mückenputzer waren eingebaut und justiert, Wasserkanister im Anhänger gesammelt, die Oberflächen auf Hochglanz poliert, die Wendepunkte in den Rechner gefüttert, ein PDA ausgeliehen, und die Motivation auf Hochtouren. Ich freute mich, wie vor einer Theateraufführung oder vor einem speziellen Date. Ob es klappt oder nicht, interessant wird es auf jeden Fall.

Unter den Bremsklappenhebel klebte ich zum Schluss noch eine kleine Sache, die mir die gute Fee aus dem ersten Absatz mit auf den Weg gegeben hatte. Alina macht immer Collagen aus Zeitungsüberschriften, die sie ausschneidet und aufklebt. Für mein Cockpit hatte sie einen kleinen schwarzen Schriftzug aus ihrer Dose gefischt. An der Bordwand stand nun (und ich musste immer lächeln, wenn ich es las):

„Der unmögliche Luftsprung“

Bis es allerdings soweit war, dass ich nach Ansbach abzog, hatte ich noch eine Rechnung offen. Dazu hatte ich noch drei Trainingstage in Königsdorf eingeplant. Es sollte auf den Versuch hinauslaufen, die DMSt (Deutsche Meisterschaft im Langstreckensegelflug) zu gewinnen. Dazu fehlten nämlich im Prinzip nur erstaunlich wenige Punkte, und über den Alpen befand sich eines der letzten Hochdruckgebiete des Jahres…

Fortsetzung folgt!

Veröffentlicht in Alle

Kurzmeldung aus Stölln/Rhinow, Brandenburg

Der Grund, warum ich so lange nichts schreibe, ist der, dass ich im Moment nicht fliege. Um mich nämlich vor den letzten sieben Schultagen zu drücken, habe ich mich bereit erklärt, zusammen mit Google von der Akaflieg München auf den Qualifikationswettbewerb in Stölln / Brandenburg zu fahren.

PICT0027

Hier bin ich sein Helfer, wo ich nur kann, sein Rückholer, wenn es einmal notwendig ist, und kann mich sehr gut mental auf meine nächste eigene Herausforderung einstellen und vorbereiten: Die BMJ 2009.

Denn am 12. August geht es los:  Ich werde auf der bayerischen Meisterschaft in Ansbach fliegen! Ich werde dort versuchen, mich für die deutsche Meisterschaft 2010 zu qualifizieren!  Und das beste daran: Ich werde es schaffen!

Seit einer Woche bin ich nun mit einem Haufen Akaflieger und sonstiger lustiger Piloten hier in Brandenburg. Ab nächster Woche bin ich dann teils in Königsdorf, teils in Amberg unterwegs – endlich wieder selber im Flugzeug. Ab etwa dem 09. August fahre ich dann nach Ansbach. Ich weiß nicht, ob und wann ich in dieser Zeit etwas in diesen Blog schreiben werde, aber auf jeden Fall wird später ein ausführlicher Bericht über die kommenden drei Wochen folgen.

Was ich hier erlebt habe, hat wirklich Lust auf das Training und den anschließenden Wettbewerb gemacht. Mein Ziel ist klar, und ich will es unbedingt erreichen – doch ich weiß genausogut, dass ich dort zusammen mit allen anderen einen wunderbaren Spaß haben werde, auch wenn ich keinen Quali-Platz erfliegen kann.

Jetzt noch ein paar Fotos vom Stölln-Wettbewerb. Ergebnisse und Infos über den Wettbewerb gibt es übrigens auf http://www.lm2009.edor.org/

PICT0028

Sie schleppen mit Wilgas. Das ist laut.

PICT0030

Google und Anton Lugtenburg bei der Flugvorbereitung

PICT0080

Ein Teil des Camps. Das klägliche Zelt in der Mitte taugt nicht.

PICT0078

Google beim Zielanflug

Veröffentlicht in Alle

Endlich wieder los

Es war heute ungefähr Ein Uhr mittags, als Edi auf seinem Dienstfahrrad neben mir hielt und brummte: „Geh, tu net so viel Wasser nei, heut gehts eh net so guat.“

Tja, das sah ich selbst. Die sehr feuchte, sehr labile und sehr warme Luftmasse über Südbayern, die uns seit Tagen plagt, schickte im Osten des Flugplatzes Königdorf schon gegen Mittag hohe Türme in den Himmel, und wo es noch nicht überentwickelt hatte, sah der Himmel am Alpenrand äußerst unaufgeräumt aus: Viele Wolken, nur wenige echte Cumulusentwicklungen, und diese sehr tief. Das T-Shirt klebte mir am Körper und die Julisonne stach zwischen den Wolken heiß auf das Rollfeld herunter.

Aber ich tankte. Immerhin 50 Liter Wasserballast sollten mir den Discus 2c heute schnell machen.

Denn ich hatte ein gutes Gefühl, und wer wird sich schon von ein paar Wolken und ein bisschen Warmluft die Laune verderben lassen? Wer beinahe den ganzen Juni im Regen oder in Gewitterschauern am Boden verbracht hat, der sieht keine 6/8 Wolken, sondern die blauen Löcher dazwischen.

„Oiso, i schlepp di dann!“ Ich hielt beide Daumen nach oben und widmete mich wieder dem linken Flügeltank der 2D.

——————————————————————————————

Die D-EISD strafft das Schleppseil um zwanzig nach eins. Oh, wie ich es erseht habe, nach einer so langen fast nur wetterbedingten Pause diesen (zwar unterhaltsamen und wundervollen, doch nicht immer ganz einfachen) Planeten wieder zu verlassen!

Die Cockpittemperatur beträgt 38 Grad Celsius. Alle Lüftungssysteme sind voll geöffnet, und der erste leichte Fahrtwind beim Anrollen weht hoffnungsvoll um mein Gesicht.

Der Discus liegt folgsam in den Rudern und wir klettern über den Platzrand. In 500 Metern Höhe (Edi hat mich genau in den besten Aufwind der Umgebung gesetzt) werfe ich das Seil und beginne, in bis zu 2 m/s zu der kleinen Thermikwolke hinaufzukreisen.

Für meinen Geschmack viel zu früh, in nur 1450 m über dem Meer nämlich, wird es dunkel über mir und ich muss den Kreis verlassen. Meinen Kurs habe ich mir gegen den Wind, nach Nordwesten, gesucht, und flitze auf die nächste Wolke zu. Die Temperatur im Cockpit ist auf angenehme 20 Grad gefallen.

——————————————————————————————

„Sieben Null, München Info, Oberpfaffenhofen Delta ist aktiv.“ Was der Fluglotse da sagte, das gefiel mir gar nicht. Denn – Murphy´s Law? – die einzigen sicheren Thermikanzeichen auf meinem Nordwestkurs fanden sich genau über der Kontrollzone. Hätte ich lieber mal vor dem Abflug nachgefragt und einen anderen Kurs gewählt.
Nach einigem Kopfrechnen entschied ich mich, trotz der tiefen Wolkenbasis zu versuchen, die Kontrollzone in sicherem Höhenabstand zu überfliegen.

Dabei musste ich aber einen ziemlich schwachen Lift mitnehmen, um nicht abdrehen zu müssen, weil ich sonst in die Kontrollzone hineingesunken wäre.

Aber immerhin, es ging vorwärts! Zwischen den Flugplätzen Jesenwang und Landsberg am Lech stieß ich schließlich auf ein unsympathisch blaues Loch, so dass ich mich am Ende einer kurzen, aber schönen Wolkenstraße zur Umkehr entschied.

——————————————————————————————

Inning am Ammersee ist aber groß. Ich mag es nicht, wenn die Häuser so groß werden.

Ich erinnerte mich etwas betreten daran, was ich gelernt hatte: „Die letzte Wolke unter einer Wolkenstraße ist nie zuverlässig. Sie steht bereits unter dem Einfluss des negativen Faktors, der die Wolkenstraße überhaupt zum Aufhören zwingt.“

Tja, so auch heute. Ich sank.

Nach meiner Wende hatte sich das Steigen, das 10 Minuten zuvor noch verlässlich war, dazu noch völlig verflüchtigt und ich konnte nicht mehr auf die schon erprobten Stellen zurückgreifen. Musste ein breites Schattenfeld unter den Wolkenausbreitungen durchqueren und befand mich nun 450 m über der sonst recht kleinen Stadt. Doch für mich sind 450 m inzwischen kein Grund zur Verzweiflung mehr.

Mehr am Boden als an den Wolken orientierend, zog ich einen zerrissenen Meter. In einigen unzuverlässigen Blasen arbeitete ich mich langsam wieder nach oben und war schon bald für neue Untaten gen Osten bereit.

——————————————————————————————

Um kurz nach drei liegt das weite Häusermeer von München zu meiner linken. Die erneute Querung der Oberpfaffener Kontrollzone ist etwas knifflig, aber nicht weiter problematisch gewesen, und die thermischen Verhältnisse scheinen sich gebessert zu haben. Zwar kann ich nicht mehr sehr weit nach Osten, da eine breite Gewitterwand südöstlich der Großstadt droht, aber bis dahin fliege ich im Delphinstil. Bei Oberhaching wende ich. Dann nehmen die Schatten überhand und ich halte mich schon bald weiter südlich, um wieder in die Sonne zu kommen. Vorsichtig, deshalb in schwachem Steigen, geht es wieder nach oben. Ich beschließe, meine letzten 30 Bundesligaminuten nach Süden zu legen. Die Berge haben einfach eine magische Anziehungskraft.

Unterwegs komme ich an meinem Heimatflugplatz vorbei und kann hier auf 1800 m, die größte Höhe des Tages, steigen.

——————————————————————————————

Ich habe Musik angemacht. „One Last Time“ singen die Kooks, als ich mit dem linken Flügel ganz sachte über die Waldberge nach Kochel streiche. Von überall löst der Nordwestwind nun kleine Steigbläschen aus, die meinen Gleitflug strecken. Die Benediktenwand türmt sich vor mir auf.

Bei Benediktbeuern verschenke ich 20 Meter Höhe, um einen Kreis um drei Schwarzstörche zu ziehen, die mich hinter ihren knallroten Schnäbeln beinahe mitleidig, aber sehr interessiert ansehen. Ja, ich weiß: Ihr könnt es noch besser. Gute Reise, ihr drei!

Am Jochberg sind die 150 Bundesligaminuten vergangen, sicherheitshalber bin ich leicht über meiner Abflughöhe geblieben. 20 Kilometer sind es nur nach Hause von hier aus, und ich lehne mich in den Fallschirm wie in einen Wohnzimmersessel. Dann drehe ich das Flugzeug um 180 Grad und gehe auf Heimatkurs.

——————————————————————————————

300 Meter über den Königsdorfer Flugzeughallen schlug ich zwei weite Kreise ein und schaute hinab. Eine weite Spirale, dann stürzte ich mich mit 200 km/h hinunter. Die Ballast-Tanks öffneten sich, und ich zog eine zischende Fahne aus Wasserdampf flach über das Moor. Hochziehen, Landeanflug, um halb fünf berührte der Discus wieder den Boden.

——————————————————————————————

Flug

Es fühlt sich gut an, wieder geflogen zu sein. Im Moment halten K.P. , Thomas mit seinem Sohn Nikolai, und ich zu dritt den neunten Rundenplatz in der Bundesliga. Damit halten wir in der Gesamtwertung Platz 2. Mal sehen, was sich morgen tun wird!

Der Link zum Flug!

Ein Besuch in Antersberg und ein Gewitterflug

Siebte Bundesliga-Runde. Ausgangssituation: Die letzten beiden Wochenenden hatten uns in Königsdorf einen klaren Wetter-Nachteil gegenüber dem Norden gebracht, so dass wir den ersten Tabellenplatz schnell wieder abgeben mussten. Nun auf Platz vier, lag das Wetterglück am Sonntag, dem 07.06.2009 wieder ganz auf unserer Seite: Nur der Bereich südlich der Donau war überhaupt – wenn auch teils etwas spärlich – mit Thermik gesegnet.

So machten Thomas Wolf (G2), Hans Trautenberg (SC), Wolfgang Schieck (007) und ich als „Ersatzmann“ uns auf den Weg.

Die Windenstartstrecke war vom Regen zu nass, da bekam ich gleich einmal die Gelegenheit, unsere neue Schleppmaschine D-EISD auszuprobieren. Vielen Dank Sepp!

IMGP2397

Die Wolkenoptik war zwar recht vielversprechend, aber trotzdem hatten wir Probleme mit dem Wegkommen. Ich musste mich aus unter 300 m über Grund mit weniger als einem Meter Steigen nach oben mogeln, aber schließlich konnte auch ich abfliegen.

Am Anfang erwischte ich eine Wolke nicht, musste einen halben Kilometer zurückfliegen, dann endlich fing mein Bundesligaflug an. Gegen den Wind nach Westen kam ich gut voran, entdeckte vor Füssen den Hangaufwind am unmittelbaren Alpenrand an den Nordwestkanten, und flog sehr viel geradeaus. Wende kurz vorm Forggensee, Ostkurs mit Rückenwind. Der Flug wurde schnell.

IMGP2403

IMGP2405

Als mir im Osten die Berghänge auf Kurs ausgingen, flog ich wieder ins Flachland, um den Rückenwindschenkel unter einer Wolkenstraße zu verlängern. Ich kurbelte über Holzkirchen bis an die Basis in 2000 m Höhe und versuchte dann, nach Osten im Delphinstil zu fliegen. Dass ich hier längst hätte wenden müssen, weil die Wolken auf Kurs von Süden her aufgefressen wurden, ahnte ich nicht.

Was ich zu spät bemerkte war, dass die Wolken immer mehr zu Blindgängern wurden. Bei Bad Aibling funktionierte keiner der Aufwinde mehr, und ich begann ein Alles-Oder-Nichts-Spiel: Jetzt irgendwo tief einen guten Aufwind ziehen, mit Rückenwind kurbeln und nach Westen zurück, das wäre die optimale Bundesliga-Wende. Ohne Thermik umzudrehen war sinnlos geworden, der einzige Ausweg war der Weg voraus.

Über dem Antersberger Flugplatz glaubte ich mich gerettet, als ein Astir mir einen Bart markierte. Doch nach drei Kreisen war auch hier nichts mehr zu holen.

Eine Viertelstunde kämpften wir zu zweit, dann soffen wir beide ab.

Auf dem Flugplatz Antersberg wurde ich freundlich in Empfang genommen. Was mich am meisten erstaunte und freute: Dort kannte man sogar schon meinen Namen! Es war sehr nett, die kleine Truppe um Christoph Schwaiger kennen zu lernen. Ein Absaufer hat eben auch seine positiven Seiten.

IMGP2408

Aus der Winde weiterfliegen? Schnell wurde klar, das ist unmöglich. Schlagartig hatte sich aus Süden kurz vor meiner Landung eine völlig andere Luftmasse in den westlichen Chiemgau eingeschlichen, die jegliche Thermikentwicklung im Umkreis von sicher 15 km verhinderte.

IMGP2409

Auf dem Bild sieht man deutlich die Falle, in die ich getappt war: in diesem Blau im Westen des Platzes waren vor einer Stunde noch die schönsten Cumulanten gestanden; mit meinem Kommen hatten sie sich aufgelöst.

Die anderen drei Bundesliga-Piloten flogen gerade im Moment 50 km weiter westlich in den besten Bedingungen Schnitte um 80 km/h.

IMGP2406

So blieb mir nur eine Möglichkeit, der Heimschlepp. Die Antersberger Savage (ein gelbes, Piper-ähnliches UL) zog mich gegen 17 Uhr wieder gen Westen. Das Problem, welches wir alle fast schon befürchtet hatten, wurde nun ganz deutlich. Nach dem Ausklinken und einem dankenden Abschiedswort im Funk bot sich mir dieses Bild auf Heimatkurs Südwest:

IMGP2412

Zum Vergleich, der Blick zurück nach Nordosten von der gleichen Stelle aus:

IMGP2416

Dass mir nicht gerade wohl dabei war, muss ich wohl nicht dazu sagen. In so einer Situation ist man klar im Vorteil, wenn man die Nerven behält. Ich verwendete erfolgreich die F O R D E C-Denkstrategie, die in vielen Fällen Leben retten kann. Hans und Mathias hatten sie mir einige Woche zuvor noch einmal eingeschärft: Meine Außenlandung in den Bergen während des Vergleichsfliegens hätte sie auch verhindert.

Fakten: Mein Zielflugplatz im Westen gerät in einen Gewitterschauer, der sich langsam nach Nordosten bewegt. Im Funk höre ich, dass gerade eben noch Flugzeuge sicher gelandet sind. Ich steige in einem verlässlichen Aufwind und kann auch ab 5 km nördlich meines Zielplatzes auf weitere Aufwinde schließen. Hinter dem Schauer über dem Flugplatz folgt ein 10 km breites Loch, dahinter zieht der nächste Schauer. Ich habe genügend Höhe, um in sicheres Gelände abzugleiten und dort zu landen.

IMGP2419

Optionen:

1. Ich kann sofort absteigen, bevor der Schauer noch schlimmer wird, und nun landen, wie es die Flugzeuge im Funk getan haben.

2. Ich kann mit meiner jetzt noch großen Höhe nach Norden fliehen und im besten Wetter landen.

3. Ich kann versuchen, nördlich des Schauers die Höhe zu halten und warten, bis der Flugplatz in der Lücke zwischen den zwei Schauern frei wird, um dann rasch abzusteigen und in Königsdorf zu landen.

IMGP2420

Risiken und Benefits:

Zu 1: Das ist mir eindeutig zu gefährlich. Am Boden können Böenwalzen die Landung unmöglich machen, auch die Sichtverhältnisse könnten zu schlecht sein.

Zu 2: Das ist völlig ungefährlich und sicher, bedeutet aber einen großen zeitlichen und eventuell finanziellen Rückholaufwand. Die Option ist gut, aber nicht die beste, solange 3. zur Verfügung steht:

Zu 3: Das ist nur dann sicher, solange ich mir einen Exit nach Norden auf die Wiesen bei Wolfratshausen und Gelting offen lasse und aufpasse, nicht in den Schauer hinein zu geraten. Der Schauer wird in spätestens einer halben Stunde abgezogen sein und eine ruhige, sichere Luftmasse zurücklassen. Das Zeitfenster zum nächsten Schauer ist begrenzt, aber groß genug. Außerdem ermöglicht es mir das Sammeln von Flugerfahrung am Rande einer etwas extremeren Wettersituation.

Decision: Ich nehme die dritte Möglichkeit.

Execution: Vorsichtig versuche ich, mehr über die Aufwindgegebenheiten am Schauer herauszufinden. Dort, wo es noch nicht regnet, wo der Schauer aber mehr und mehr hinzieht (auf der Nordostseite der Wolken also), geht es mächtig hoch, und ich kann neben den Wolken auf 2200 m steigen. Der Schauer bewegt sich langsamer als erwartet. Inzwischen hat sich Hans vom Boden aus im Funk eingeschaltet und ich bin erleichtert: Wenn ich nun vom Boden aus gelotst werden kann, kann ich nach dem Schauer sicher landen.

IMGP2424

Check: Ich überprüfe und hinterfrage die Entscheidung ständig. Durch meinen großen Höhengewinn ist mir die zweite Option weiter offen geblieben, außerdem habe ich Zeit gewonnen. Auch wenn der Schauer nur langsam schwächer wird, das Landezeitfenster wird bald kommen.

Beim Spielen mit den Wolken auf der Leeseite des Schauers sind beeindruckende Bilder entstanden, die aber nicht mal einen Bruchteil der gespenstischen Stimmung wiedergeben, die in Wirklichkeit direkt neben einem Gewitterschauer herrscht.

IMGP2427

Den Flugplatz im Bild oben erkennt nur, wer genau weiß wo er ist.

IMGP2431

IMGP2452

IMGP2462

Dann fange ich noch an, ein paar Trudelübungen mit dem Discus zu machen.

Sobald vom Boden die Info kommt, der Regen werde schwächer und der Platz langsam wieder landbar, kann ich es verantworten, hinter den Schauer, ins Luv im Westen also, zu fliegen. Dort geht es mächtig runter, so dass ich sogar mehr Höhe verliere als mir lieb ist. Zum Glück habe ich mit dem Versuch gewartet, bis der Platz einigermaßen frei ist. Trotzdem war es eigentlich noch zu früh.

Zurück etwas nach Nordosten, Parken im Nullschieber. Jetzt ist der Platz wirklich landbar. Hans gibt mir noch den Tipp, auf die Asphaltpiste zu gehen, weil das Wasser im Gras Zentimeterhoch steht. In ganz leichtem Nieselregen fliege ich mit viel Überfahrt an, es wird eine ganz normale Landung. Am Ende der Bahn stehen schon Nikolai, Thomas und Hans, und schnell haben wir den Discus vor die Halle geschoben, eingeräumt und abgetrocknet. Danke euch!

IMGP2471

Wohl war mir bei diesem Flug wirklich nicht, aber ich bin froh, dass ich dies Beeindruckende erleben durfte. Froh bin ich aber auch vor allem, dass ich heil und am richtigen Ort auf den Boden zurück gekommen bin, was mir kurz nach dem Ausklinken aus Antersberg als nicht gerade selbstverständlich erschienen ist…

Die Bundesliga-Runde hat Königsdorf übrigens trotz meines erneuten Patzers gewonnen: Wolfgang, Thomas und Hans haben 20 Rundenpunkte geholt und uns auf den ersten Tabellenplatz zurückgeholt!!!

IMGP2476

Königsdorfer Vergleichsfliegen

Da bin ich wieder! Auch wenn es eine ganze Weile gedauert hat (Sorry!), endlich gibt es eine neue Geschichte zu lesen.

Lasst mich mit dem Ende anfangen. (Womit denn sonst?!)

PICT0009

PICT0017

Nun ist es zunächst keine unberechtigte Frage, wie (um alles in der Welt?!) die vier Segelflugzeuge und der Polizeihubschrauber auf die Wiese mitten in den bayerischen Bergen gekommen sind.

Und es ist eine lange Geschichte. So lang, dass ich schon eine Woche vorher anfangen muss, am Samstag, dem 16. Mai.

Es geht um meinen ersten zentralen Wettbewerb, um Höhen (großartig) und Tiefen (niederschmetternd), und vor allem um eine ganze Menge Spaß.

Am genannten Samstag (ich sollte mir die eingeklammerten Parenthesen wieder abgewöhnen) fing also an, worauf ich mich schon das ganze Jahr über gefreut hatte. Ein Spaßwettbewerb, eine Woche zusammen mit den anderen fliegen, viel lernen, und versuchen fliegerisch gegen die ganzen alten Hasen eine möglichst gute Figur zu machen.

So wanderten Jan, ich, unsere Ausrüstung, meine Gitarre und alles sonst noch lebensnotwendige für eine Woche zum Flugplatz. Ich hatte extra Schulfrei zum Fliegen bekommen, und Jan steckte mitten im Abitur zwischen den schriftlichen und der mündlichen Prüfung. Deswegen flog er auch in der Einsteigerklasse. Ich hatte mich für die Profiklasse gemeldet.

Tag eins, Samstag 16. Mai 2009

vlcsnap-88369

Ich wollte natürlich auf meinem ersten Wertungsflug alles richtig machen. Das Wetter morgens war so furchtbar, dass wir erst nach vier Uhr nachmittags in die Luft kamen. Die Aufgabe war 110 km lang und hieß:

Königsdorf – Starnberg – Geratshof – Königsdorf.

Ich verhielt mich wie im Lehrbuch, probierte vor dem Abflug die ersten Wolken auf Kurs aus, flog dann hinter die Linie. Ich flog als einer der ersten ab, mit einem kleinen Pulk anderer Flugzeuge. Unsere Idee war es, möglichst früh um den Kurs zu kommen, weil die Bedingungen sich offensichtlich mit den Nachmittagsstunden verschlechterten.

Der Pulk, in dem ich war, war mir zu lahm. Schnell war ich der Höchste in den Aufwinden, bald hatte ich einen Kilometer Streckenvorsprung, und schon hatte ich sie außer Sichtweite. Ich führte, ich war schnell, und ich konnte und wollte gewinnen. Starnberg wird umrundet, nun noch 30 km nach Westen. Als erster, geschätzt 10 Minuten vor dem Feld, erreichte ich den kleinen Wiesenflugplatz südlich von Landsberg, den zweiten Wendepunkt. Ich war zwar tief, und hatte schon länger keinen guten Bart gehabt, aber das Fliegen bis hierher hat doch super funktioniert, jetzt wenden, die 50 km nach Hause, du bist heute schnell, Tagessieg, Benni, du hast das Ding doch schon fast in der Tasche. Mensch, werden die alle Augen machen. Jetzt nur schnell irgendwo wieder steigen, und dann los, ab nach Osten zurück –

IMGP2292

Äh, genau. Benni, du Held.

Tag zwei, Sonntag 17. Mai 2009

Beim Ärgern auf dem Acker nach der gestrigen Außenlandung hatte ich Zeit zum Nachdenken, und zum Lernen aus dem Fehler. Mann, war ich schnell gewesen, und dann der vorletzte Tagesplatz. Ein Trost, es gab noch vier andere Außenlandungen außer meiner eigenen. Zu meinen Eltern und meinem Freund Dreas, die mich bei Einbruch der Dunkelheit mit dem Anhänger holten, hatte ich beim Abschied gesagt: „Wird nicht mehr vorkommen. Morgen fliege ich den Tagessieg.“

Das Wetter wurde super. Wir bekamen eine Flächenaufgabe mit maximal 400 km Streckenlänge um den Arlberg und Lofer, in 3:30 Stunden.

vlcsnap-77365

Und ich hatte gelernt. Deutlich später als die meisten anderen flog  ich ab. Der Weg nach Westen in den Bergen war schwierig, aber das machte mich schnell: Ich flog einfach geradeaus an den Bergen entlang, niedrig aber ohne viel Höhenverlust. So kam ich hinter den anderen her bis kurz vor Füssen. Am Plansee schließlich fing der Flug so richtig an. Ich kreiste hoffnungsvoll an einem Grat östlich des Sees ein, zentrierte das Steigen, und kurbelte den bisher besten Bart meines Lebens nach oben. Spitzenwert: 6,4 m/s.

vlcsnap-78755

Von jetzt an war der Schalter umgelegt. Erste Wende, schon sind fast alle überholt. An der Nordkette auf Westkurs traf ich Henrik Aslund (TU), der extra aus Schweden für den Wettbewerb hergekommen war, und Thomas Wolf (G2).

vlcsnap-80972

vlcsnap-83367

vlcsnap-84433

Flugs waren wir im östlichen Wendegebiet. Thomas und ich flogen noch bis zu den Loferer Steinbergen. Ich schätzte die Rückflugzeit ein, wendete rein spekulativ und begann schon am wilden Kaiser mit dem Endanflug.

Nach 3:27 Stunden von 3:30 möglicher Wertungszeit überflog ich die Ziellinie.

Am Abend schrieb ich nur eine kurze SMS an Dreas: „Tagessieg.“

Irgendwie war ich schon stolz.

Am Montag war schlechtes Wetter, so dass ich mit Five und Hacke nach München zur TU fuhr. Wir wollten einen Vortrag besuchen, der allerdings erst im nächsten Monat stattfand. Dadurch bekam ich dann die Münchner Flugzeugwerkstatt zu sehen, wo schon Formen für die Holme der Mü 31 gebaut werden.

Tag drei, Dienstag 19. Mai 2009

Wieder Flachlandwetter.

Vor dem Start zeigte mir Five seinen „Thermik an/aus“-Schalter.

vlcsnap-87223vlcsnap-87941

vlcsnap-91646

Ich war gespannt, ob ich es denn jetzt auch im Flachland hinbekomme, zumindest nicht zu verlieren.

Die Tagesaufgabe führte uns nach Westen bis Bad Wörishofen und dann nach Osten bis nördlich des Chiemsees, und von dort wieder nach Königsdorf zurück.

Der Abflug klappte wieder super. Später Abflug, 10 Minuten nach dem Pulk. Nach 40 km hatte ich sie eingeholt. Zwischen vielen militärischen Transportflugzeugen hindurch ging es auf den ersten Wendepunkt zu. Mit Five und Wolfgang zusammen wendete ich. Am Ammersee blieben sie zurück, als ich mich nur mit etwas Glück unter eine gute Wolke richtung Oberpfaffenhofen retten konnte und die anderen beiden kein Steigen fanden. Five musste außenlanden, Wolfgang verlor leider recht viel Zeit.

Südlich von München traf ich dann Diether Memert, den mehrfachen Weltrekordhalter, Sportleiter und „Star“ im Teilnehmerkreis. Zusammen flogen wir um die zweite Wende herum und führten das Feld an.

vlcsnap-93692

vlcsnap-94235

vlcsnap-94501

vlcsnap-94739

Der Rückflug gestaltete sich als ernsthaft schwierig. Wir trennten uns etwa 30 km vor dem Ziel. Die Einsteigerklasse markierte mir dann den entscheidenden, guten Aufwind, von Diether bekam ich fairerweise noch einen Tipp, und schon war ich zu Hause.

vlcsnap-96334 Viele hatten es heute nicht um beide Wendepunkte geschafft, und eine witzige Hoffnung keimte in mir auf.

Tag vier, Mittwoch 20. Mai 2009

Zwei Tagessiege in Folge, das bedeutete Tabellenführung. Und wieder kam ein guter Flugtag im Gebirge! Ein riesiger Area Task, da passten über 600 km FAI rein. Da kann ich dann gleich noch ein paar DMst-Punkte mitnehmen!

Leider verzögerte sich der Start, und bis das große Feld einmal in der Luft und die Abfluglinie offen war, war es ein Uhr. 600 km vor mir, und so spät schon. Kann das gut gehen? Zweifel, Nerven, Ungeduld, und los.

Nach dem Abflug erwischte ich die Aufwinde viel besser als die anderen. Meine Steigwerte waren kein Vergleich zu denen, die die anderen im Funk durchgaben. Keine Ahnung, was ich anders machte, vielleicht hatte ich einfach Glück. Heute, wieder genau mein Tag? Genau! Ich preschte vor, mit 180 km/h, nächster Bart, wieder fast 4 m/s von unten bis oben, los, zum Wilden Kaiser, die anderen weit hinter mir! Yeah.

Um es kurz zu machen, das Nervenspiel von vorher war nicht gut für mich. Ich hätte die Aufgabe locker geschafft, war viel zu hektisch geflogen. Eine dumme und im Nachhinein beinahe unverständliche Fehlentscheidung, am Wilden Kaiser nicht im etwas schwächeren Steigen an die Basis zu klettern. Und schon saß ich am Boden.

Oooooh Neeein!!! Ich will eigentlich gar nichts drüber erzählen, so doof war das…

So einen Unsinn habe ich zusammen geflogen, wie er erste Mensch hab ich mich benommen, wie kann man nur so blöd sein…

Selbstzweifel. Bin ich nun gut oder nicht? Nein, das musste ich mir eingestehen, unten auf dem letzten Tagesplatz: Gut ist anders. Ich brauchte im Nachhinein zwei Tage, um mir diesen Fehler zu verzeihen und mit mir selbst fertig zu werden. Wie kann man nur so-

Ach, ich sollte nicht so kindisch sein. Fehler passieren, und sowas mach ich einfach nie wieder. Gut eigentlich, dass es jetzt passiert ist, wo es um nichts geht. Mathias Schunk, der mir sehr geholfen hat, meinte sogar, er sei froh, dass ich das durchmachen musste. Er hatte wohl recht.

IMGP2283

Donnerstag. Nach dem Start wurde die Thermik so schlecht, dass wir noch vor dem Abflug geschlossen die Aufgabe abbrachen und nach Hause flogen. Keine Wertung, natürlich.

Am Freitag regnete es häufig, so dass ich mich entschloss, in die Schule zu fahren um die Spanisch-Klausur mit zu schreiben.

Das Finale: Tag fünf, Samstag 23. Mai 2009

Da Five und ich durch unsere Außenlandungen auf den siebsten und sechsten Platz zurückgefallen waren, wollten wir uns wenigstens mit einem würdigen Finale aus dem Wettbewerb verabschieden. Die Aufgabe ging ins Engadin und dann zum wilden Kaiser, der Einstieg in die Berge war allerdings als sehr schlecht fliegbar vorhergesagt.

Und wie das schwierig war. Ich hängte mich immer hinter Flugzeuge, die vor mir in der Wertung lagen, und überholte sie nach kurzer Zeit. Ich war als einer der letzten abgeflogen und hatte bei Vorderriß die einzigen eingeholt, die vom Pulk noch übrig waren. Zwei waren in Krün außengelandet, viele nach Norden zurück geflogen. Zusammen kämpften wir in der furchtbar schwachen Thermik, um irgendwie an das herrliche Wetter im Inntal zu kommen. Wir waren echt gut, aber –

ach, lest einfach ganz oben weiter.

Es macht riesigen Spaß, mit vier Flugzeugen auf einer Wiese zu landen. Nico, Brot, Wolfgang, Gerd und ich standen auf der Wiese in Fall, nahmen die Funknachricht entgegen, dass der Flugtag neutralisiert würde und uns Außenlandern keine Punkte verloren gingen. Der Königsdorfer Wettbewerb war zu Ende.

Wir zogen uns aus uns sprangen in den See. Außenlanden ist klasse – kein Vergleich zum letzten Mal!!!

Irgendwann kam dann ein Hubschrauber an; Ein Bürger hatte angerufen und den Absturz einiger Flugzeuge gemeldet. Wir unterhielten uns mit den Piloten, bevor sie wieder starteten und noch einen tiefen Überflug über uns machten. Dann kamen irgendwann unsere Rückholer.

Dauergrinsen, irgendwie. Einfach so.

Danksagungen

Ich möchte für die Erlebnisse der Flugwoche vielen Menschen danken.

Zuerst einmal Wolfgang Schieck für die Veranstaltung des Wettbewerbs.  Dann auch Diether Mehmert, der die sportliche Leitung übernommen hat. Das war echt super.

Ich danke Hans Trautenberg für das Coaching und die stets kritische Betrachtung meiner Flüge, für die Feedbacks und herrlich verwirrenden taktischen Betrachtungen vor dem Start, für den Satz: „In den Bergen Thermik fliegen – das kann jeder Depp.“ (Der Satz hat den Flachland-Tagessieg verursacht). Und für drei Weihnachtssterne. Und für den ganzen Rest auch.

Ich danke den Teilnehmern des Wettbewerbs, die allesamt den Altersunterschied nicht voreingenommen gesehen haben und mich fast schon wie einen „alten Hasen“ betrachten.

Mathias Schunk für die äußerst positive Pressearbeit, die es mir ermöglichte, Schulfrei zu bekommen.

Nochmal Mathias, für das Gespräch über den Fehlerflug am Mittwoch, für die Interpretation meiner Blödheit und für die aufbauende Geschichte der bayerischen Meisterschaft vor über 10 Jahren.

Jürgen, dem Gast in St. Johann, für die spontane Rettung.

Hermann Braun für die Rückholung aus Fall.

Dreas und meinen Eltern für die Rückholung aus der Nähe von Geratshof.

Five, Hacke, Hannes und allen anderen wunderbaren Akafliegern für die Gastfreundschaft und die großartigen Essen.

Der Segelfluggruppe Isartal für die 2D und alle Voraussetzungen, die mir die ganze Fliegerei ermöglichen.

Danke!  ❤

Veröffentlicht in Alle

Segelflug-Bundesliga

Am vergangenen Wochenende vom 9. und 10. Mai war ein klassischer Fall von Bundesliga-Wetter. Das bedeutet: Für richtig große Strecken reicht´s sowieso nicht, Schauer machen die ganze Sache zusätzlich schwierig, aber geflogen wird trotzdem. Einerseits weil wir gar nicht anders können, andererseits wollen wir Königsdorfer nicht wieder Gefahr laufen aus der ersten Liga abzusteigen, was letztes Jahr fast passiert wäre.

Wie funktioniert die Segelflug-Bundesliga?

Die 1. Segelflug-Bundesliga ist ein Mannschaftswettbewerb, der von Mai bis September in Deutschland zwischen den 30 besten Vereinen ausgetragen wird. An jedem Wochenende findet eine der insgesamt 17 Runden statt. Um an Punkte zu kommen, muss jeder Pilot in einem frei gewählten, 150 Minuten langen Zeitfenster eine möglichst große Strecke zurücklegen, also eine möglichst hohe Schnittgeschwindigkeit erzielen. Die Flüge werden mit GPS-Rekordern aufgezeichnet und auf einer Internetplattform eingereicht.

Die Geschwindigkeiten der drei schnellsten Flüge pro Verein werden zusammengezählt, daraus eine Rundenwertung erstellt und die Punkte verteilt. 20 Punkte gibt es für den Rundensieger, 19 für den zweiten, und so weiter. Daraus ergibt sich dann die Bundesliga-Tabelle.

Die dritte Runde

In den ersten beiden Runden konnten wir uns durch schnelle Flüge und den neunten und vierten Rundenplatz den dritten Platz in der Tabelle erobern. An diesem Wochenende war das Wetter nun grundsätzlich nicht so gut vorhergesagt.

Am Samstag tankte ich 62 Liter Wasseballast in den Discus. Einfach so, um auch mal mit Wasser zu fliegen und um das Fliegen am Berg mit dem deutlich schwereren Flugzeug zu üben. (Runde Zahlen bringen Unglück, nämlich.)

Ich wollte mit dem Ballast nicht an die Winde gehen und machte relativ spät einen tiefen F-Schlepp über den Platz. Nach dem Ausklinken begann für mich ein einstündiger Aufenthalt in der Blauthermikhölle. Steigwerte unter 0,5 m/s, erschreckend große Flugzeugpulks, die alle auf das beste Steigen aus waren, und Operationshöhen zwischen 300 und 600 m Höhe. Keine Chance, in die Berge einzusteigen. Nach einiger Zeit kam ich dann doch noch auf 1600 m MSL und bastelte mich mit Five in die Jachenau vor. Hier merkte ich, wie gut der Discus mit Wasserballast im Gleitflug alle anderen abhängt! Während er fast außenlanden musste, konnte ich bequem den Latschenkopf anfliegen und mit fast 1,5 m/s auf 2700 m steigen.

IMGP2215

IMGP2213

Doch die Tageszeit war schon so sehr vorangeschritten, dass an einen brauchbaren Bundesligaschnitt nicht mehr zu denken war. Das Wetter machte auch immer mehr zu.

IMGP2217

Aber, aufgeben gilt nicht, und so kämpfte ich mich über den Guffert in fürchterlichen Bedingungen nach Kufstein und zum wilden Kaiser.

Der Kaiser ging wirklich gut, aber dort waren auf engem Raum so viele Flugzeuge, dass ich schnell wieder Reißaus nehmen wollte. Das Wetter nach Osten sah traumhaft aus, aber da sich hinter mir schon Regenschauer aufbauten, traute ich mich nicht weiter und wendete.

IMGP2220

IMGP2223

IMGP2225

Die Berge wirkten auf einmal ziemlich bedrohlich und wenig einladend, aber ich genoss den Heimflug trotzdem. Nachdem ich am Sonnwendjoch nochmal kurz vor dem Regen auf 2300 m steigen konnte, flog ich noch weiter nach Westen, zunächst südlich am Regen vorbei.

IMGP2224

Am Soiern schließlich ging ich durch eine Lücke zwischen zwei kleineren Schauern über der Jachenau und dem Walchensee auf Heimatkurs.

IMGP2226

Es war zwar nur ein Bundesligaschnitt knapp unter 70 km/h (Gerd war früher gestartet und hatte im Inntal 107 km/h geflogen!), aber ein interessanter Flug von 212 km zwischen den Schauern.

Hier ist die Fluginfo.
flug

Der Sonntag sollte eigentlich in den Bergen noch weniger gut werden, so wie zum Glück auch im Rest der Welt. Sollte die komfortable Rundenführung, die wir am Samstag Abend durch Gerd und die beiden Christophe bekommen hatten, denn schon reichen?

Ich tankte kein Wasser, um an der Winde starten zu können. Das ist nämlich deutlich billiger. Mein Plan war, im Flachland das Maximale herauszuholen, denn dort sahen die Wolken einladend aus. Es galt, schneller als Christophs 94 km/h zu sein, um die Wertung zu verbessern.

Hans hatte für dieses Wochenende übrigens ein neues Motto für die Bundesliga: „Benni jagen“, in Anlehnung an die Runde vor zwei Wochen, wo ich zweieinhalb Stunden lang tief genug geflogen bin, um mit dem Discus 2 wirklich einmal eine Flugzeuglänge schneller als die Antares zu sein. Er hätte halt nicht so hoch steigen sollen, weil in direkter Bergnähe fast doppelt so viel Thermik geherrscht hat….:-)

Halb eins, Windenstart. Vor mir sind schon zwei Flugzeuge oben geblieben, doch mein direkter Vordermann muss nach einigen Suchkreisen wieder landen. So setze ich alles auf eine Karte (Wolke) und fliege nach dem Start direkt geradeaus weiter. Es geht mächtig runter, ich hab nur noch + 120 m bis Königsdorf auf dem Zander stehen, als der erwartete Bart mich von unten trifft. Schnell ist genügend Höhe gemacht, dass ich mich so richtig wohl fühle und Pläne schmiede.

Die Wolken im Flachland hören im Osten schnell auf, wie ich schon von hier aus sehen kann. Da kann man nicht viele Kilometer machen. Dann doch in die Berge? Ach, da ist es sowieso viel schöner! Los, ich fliege nach Südosten.

Der Einstieg klappt wie geschmiert, ich kurble hier jemanden aus, dort noch einen, und erfahre im Funk, dass Hans die gleiche Streckenentscheidung getroffen hat wie ich. Er kurbelt in der Nähe von mir.

Ich schreibe fleißig theoretische Abflugzeiten, Höhen und Steigwerte auf, um mein Bundesligazeitfenster möglichst gut berechnen zu können.

Wie aufgedreht fliege ich nun in die Tegernseer Berge, nirgends viel Zeit verlieren, von Grat zu Grat springen, es läuft gut. Denke ich zumindest. Doch was kurz gut lief, lässt mich zu optimistisch vorpreschen – südlich von Geitau finde ich mich in nur 1500 m NN wieder und habe nur noch eine einzige Option, bevor ich abdrehen und wahrscheinlich in Geitau landen müsste.

Doch die Option funktioniert, ich erwische einen guten Bart und kann sogleich zum wilden Kaiser springen. Hans hat einen ziemlich ähnlichen Fehler gemacht und gerät gerade auch in Schwierigkeiten. In den nächsten 30 Minuten werde ich ihm 40 km abnehmen. Die Kalkwände des Kaisers, der Loferer Steinberge und des steinernen Meers sind nämlich eine Stunde vor den Schauern vor lauter Energie kurz vor dem Explodieren und lassen mich die schnellsten 40 Minuten meiner bisherigen Fliegerkarriere erleben.

„Zwei Delta, Hochkönig, Zweitausendsechshundert.“ Das klingt doch so unfassbar schön, das muss gleich mal im Funk durchgesagt werden. Hans hat sich auch befreit und ist gerade am Kaiser in die steinerne Rennstrecke eingestiegen, die nun unmittelbar davor steht Schauer zu bilden und ihr Maximum an Energie in die Atmosphäre feuert. Nun hat das Bundesliga-Rennen so richtig begonnen, und Hans´ Tagesmotto, Benni jagen, bringt die Flugsituation der folgenden zwei Stunden genau auf den Punkt.

IMGP2231

IMGP2232

IMGP2236

In recht großem Abstand fliegen wir nach Osten.

Ich entscheide mich im Ennstal für die Talsüdseite und fliege dort den Hauptkamm entlang. Alles funktioniert, mir unterläuft keiner der sonst regelmäßigen kleineren Taktikfehler, und das Zusammenspiel von tiefster Konzentration und höchster Euphorie, das ich in letzter Zeit schon häufig erreichen konnte, treibt mich voran. Genau in diesem Flow, wenn mit dem Körper, dem Geist und der Technik einfach alles stimmt, liegt der Schlüssel, um wirklich schnell zu sein.

Kurz vor dem Flugplatz Niederöblarn südöstlich des Dachsteinmassivs, wende ich bei Kilometer 185 auf Königsdorf. Die Bedingungen werden etwas schwächer und ich mache mir schon Sorgen, ein paar Wolken zu weit geflogen zu sein. Ohne viel Zeit in zerrissenem Steigen verlieren zu wollen, fliege ich nun auf Westkurs und sinke schon unter 2000 m Höhe. Nahe Schladming schaffe ich es aber gleich, mit etwa 3 m/s wieder 1000 m dazu zu bekommen. So hat mich der kleine Durchhänger kaum Zeit gekostet.

IMGP2241

So geht es nun südlich an Zell am See vorbei. Im Funk erfahre ich, dass Hans auf den Talnordseiten noch einen drauflegen konnte: Er ist heute phantastisch schnell und hat seinen großen Rückstand fast eingeholt. Schon ist er nordöstlich hinter mir, bald genau nördlich neben mir.

Ich habe in den Tauern eine Staumauer entdeckt. Der See darüber ist allerdings sehr bemitleidenswert.

IMGP2247

Querab vom Gerlospaß steige ich zusammen mit einem anderen Discus 2c auf die größte Tageshöhe von fast 3500 m. Man kann in den Zillertaler Alpen Wellenwolken erkennen, weiter nördich davon bilden sich Schauer. Da die Bundesligazeit sowieso fast abgelaufen ist, entschließe ich mich, über das Zillertal heimzufliegen, um nicht vom Regen den Weg abgeschnitten zu bekommen.

IMGP2252

Erstaunlich, dass es erst vier Uhr ist. Der Himmel lässt den Tag dunkler und drei Stunden später erscheinen. Trotzdem habe ich noch nie in so kurzer Zeit so viele Kilometer erflogen.

Im Zillertal sehe ich Hans kurz vor mir kurbeln. Mit einer hoffentlich sehr eleganten hochgezogenen Fahrtkurve begrüße ich ihn, fliege einmal um ihn herum und tanze gleich weiter nach Norden, als ich den Aufwind nicht sofort treffe. Ich kann ihn fast grinsen sehen: „Benni Jagen“ war erflogreich.

Bundesliga-Flug aus, langsam fahre ich meine Systeme zurück, nehme das Gas aus dem Flug und schaue mir das herrliche Zillertal von oben an. Innsbruck Radar lässt mich nach Norden queren, der Weg zurück nach Deutschland ist frei. Die Höhe reicht jetzt schon bis nach Hause. Ich mache mir Musik an.

Über dem Achensee brodelt schon wieder ein Schauer. Er taucht das Gelände in ein fast unwirkliches Licht.

IMGP2253

Doch da muss ich jetzt durch, links und rechts von mir versperren Berge den Weg.

Wolfgang hat es erwischt, er ist 800 m unter mir mit seiner SZD 59 in den Regen gekommen und fragt im Funk, ob ich ihn eventuell mit dem Anhänger holen kann. Ich sage ihm zu, gespannt auf meine eventuell erste selbst gefahrene Rückholtour.

IMGP2254

Bald fängt es auch bei mir zu regnen an, und ich fühle mich gemütlich und doch unruhig.IMGP2258

Zurück im Hellen, habe ich 50 m Höhe mehr verloren, als mir lieb ist. Ein paar Kreise an den Blaubergen und der MC-Hebel am Rechner 😉 holen die alte, große Sicherheitshöhe zurück und ich zische hinaus ins Flachland.

Der Flug hat etwas über vier Stunden gedauert und etwas über 400 km gebracht. Eine Bilanz, die sich mit 105 km/h Bundesligaschnitt zumindest nicht verstecken muss vor Gerd und Hans (123 km/h, meinen uneingeschränkten Respekt!). Zu dritt haben wir den Rundensieg geholt und sind nun Tabellenführer der ersten Liga. Yeeha!

flug

Epilog: Wolfgang retten!

Nachdem ich gelandet bin und vor die Halle rolle, bekomme ich einen wunderbaren Empfang. Die ganze Kinderhorde von Schiecks und Wolfs tollt sich um den Discus: „Der Benni ist wieder da, der Benni ist wieder da!“ Wo warst du? Ist das weit weg? Wie hoch bist du geflogen? War es schön dort? Hast du Mike den Maulwurf dabei?

Adrian schaut mir zu, wie ich meine Ausrüstung aus dem Cockpit hole, und wirft einen argwöhnischen Blick auf den Sitz.IMGP2262

„Bist du die Müllabfuhr, oder wie?“, fragt er.

Dann darf er sich auch ins Cockpit setzen. Ich finde, da ist noch etwas Potential.IMGP2263

Kurz darauf klingelt das Telefon. Wolfgang. Er hat sich zwar noch über den Achensee drüber gekämpft, aber dann war es in Achenkirch einfach vorbei. Er ist auf der bekannten Wiese etwas südlich der Ortschaft gelandet.

Schnell werden Handynummern ausgetauscht, Wegbeschreibungen eingeholt, und seine Frau Nelia weist mich kurz in den wunderbaren VW-Bus ein. Sie muss mit den Kindern heim, deswegen darf ich fahren. Paul kommt auch noch mit. Wir hängen den blauen Anhänger an, und schon geht es los!IMGP2264

Paul und ich haben einen Heidenspaß mit dem Gespann. Vorsichtig fahre ich über teils enge Straßen, kaum schneller als 60. Sechzig PS ziehen einen riesigen alten Bus und einen riesigen neuen Flugzeuganhänger. Wenn das mal gut geht!

Und es ging gut. Langsam aber fröhlich kommen wir über den Achenpass ins Zielgebiet. Ich finde es sehr spannend, das Flugzeug zu suchen, und wir finden auch recht schnell hin. Da stehen die beiden, Wolfgang und die SZD. Und ein paar interessierte Kinder, klar!

IMGP2265

IMGP2267

IMGP2271

Dann lädt uns Wolfgang noch zum Essen ein, bevor wir uns auf in die hereingebrochene Dunkelheit machen. Ein kräftiges Tiroler Abendessen im Bauch, Gedanken an einen 400 km-Flug im Kopf, im tollsten VW-Bus den ich kenne, brausen wir drei durch die Nacht. Ich kann mir kaum etwas schöneres denken.

IMGP2275

Der Morgen danach

Der Wecker klingelt. Sieben Uhr, viel zu früh, viel zu alltäglich. Ich schleppe mich mit erster, letzter Kraft ans Fenster, zerre die Vorhänge auf. Draußen veranstalten dicke Regentropfen ein Kringelwellendurcheinander auf dem Teich. Manchmal mag ich sowas, aber manchmal – Ach, ich hasse Montagmorgen.

Wie immer frühstücke ich mit fast geschlossenen Augen, steige einfach in die Jeans von gestern, werfe Block, Schreibzeug und ein, zwei zufällige Bücher in die Tasche und mir diese über die Schulter.

Irgendwie aus Prinzip, fahre ich immer mit dem Fahrrad zur Schule. Auch wenn man davon klatschnass wird, aus Prinzip. Dem grauen Wetter geschieht es ganz recht, wenn mir kalt wird.

8 Uhr, Immer noch nicht wach. Ich begrüße wahllos ein paar herumstehende Leute.

Wie immer schweife ich ab, sobald der Unterricht beginnt. In meiner Hosentasche ist irgendwas knittriges. Ich hole den Zettel hervor, falte ihn auf und lese gähnend:

Innsbruck:

Turm 120.100

Radar 119.275

ATIS 126.025

Segelflug 123.400″

Sankt Moritz, durchfährt es mich. Ich war gestern über Sankt Moritz, in 3700 m Höhe. 2/8 Cumulus mit 3 bis 4 m/s, das war ein Ding.

Fast ein Wunder, grinse ich in mich hinein und erinnere mich an den schauerlichen Samstag, als der Himmel noch fast so grau wie heute war, und die beinahe unrealistischen Prognosen für den Sonntag. Trotzdem war ich schon gegen 23 Uhr von meinem Freundeskreis wieder zum Flugplatz gefahren und hatte dort mit Nikolai und den anderen Wolfs übernachtet.

Tatsächlich sind wir im strahlenden Blau aufgestanden. Die übliche, jedesmal neue Morgenprozedur, erst Wetterbericht runterladen, dann anziehen, dann frühstücken, dann den Discus klar machen. Die 2D schaute mich erwartungsvoll an. Was wir wohl heute alles erleben würden?

Mensch, ja, denke ich mir, immer noch den Zettel anstarrend, Spanischfetzen aus dem Unterricht mitbekommend, ja und dann bin ich gestartet. In der tiefen Basis unter 2000 m nach Westen getastet, Eschenlohe, Füssen. Ein kurzer Fehler westlich von Ettal, doch dann konnte ich in anhaltend guten Bedingungen in bis zu 2800 m Höhe das Lechtal hochfliegen. Irgendwann nach Süden zum Arlberg gesprungen und ohne Kreis nach Osten zurück. Das Inntal war noch voll tiefer Wolken, so dass ich einen „Warteschenkel“ zum Wetterstein und zurück flog.

Ich sehe vor meinen Augen genau das kurze Treffen mit Oliver südlich der Zugspitze, kann noch genau den Funkspruch von Thomas hören, der aus dem Engadin 3600 m Basishöhe meldet. Damit stand für mich fest, was ich mir davor schon gewünscht hatte: Kurs Südwesten.

An den spektakulären Einstieg ins Engadin werde ich mich noch lange erinnern, nur 2600 m querab des Reschenpasses, über mir die irrsinnig hohen Berge. Ständig die Sicherheitshöhen nachrechnen, zurück nach Pfunds, vorwärts nach Scuol? Doch die Bedingungen besserten sich und ich konnte in gut über 3000 m Höhe über den Piz Nuna ins Oberengadin einsteigen. Am Ofenpass schon 3500 m, bei Samedan 3700. „Ein Traum“, gähne ich in mich hinein.

Auf meinem harten Holzstuhl kann ich sie fast nochmal spüren, die integrierten 4,7 m/s Steigen auf dem Rückweg nördlich von Innsbruck um 5 Uhr Nachmittags. Und wie ich mich dann heimgemogelt habe,  nur 2100 m am Achensee, im ganz schwachen Steigen. Der Bundesligaflug längst abgeschlossen, und immerhin: ich stieg. Schließlich an den Westhängen westlich des Sees die Höhe auf Nordkurs halten, Endanflug mit 500 m Sicherheit. Einfach schön…

„¡Benjamin, Benjamin!“ Ich fahre aus meinem Dösen heraus: „¿Qué?“ ¡Por favor, presta atención! ¿No vas a leer el texto?“ „Lo siento, sí, sí lo voy…“

„Und, was hast du gestern so gemacht?“, flüstert meine Banknachbarin kurz danach.

„Geflogen“ , brumme ich heiser.

imgp2205

Veröffentlicht in Alle